Sonntag, 5. November 2017

Paradoxe Interventionen. | Mt 5,38-42

Eigentlich bin ich ganz anders – ich komme nur so selten dazu. Sagt Ödön von Horváth. Sagt auch Udo Lindenberg. Könnte ich ganz oft sagen, und Ihr und Sie vielleicht auch. Ich lebe ein Leben mit viel Würde. Und viel Könnte und Sollte und Müsste und Wollte. Eigentlich wollte ich heute die Welt retten… aber es soll ja regnen! Und eigentlich bin ich ganz anders. Ich komme nur so selten dazu. 

Die gute Nachricht: Jetzt ist die Gelegenheit. Wenn nicht jetzt, wann dann? Siehe, jetzt ist die Zeit des Heils, schreibt Paulus. Es gibt in der ganzen Weltgeschichte immer nur eine bedeutsame Stunde – die Gegenwart. Schreibt Dietrich Bonhoeffer. Jetzt ist die Gelegenheit, sagt Jesus: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Und Jesus malt in der Bergpredigt Bilder davon, wie es sein könnte, wenn alles anders werden sollte könnte würde, wie es sein muss, damit es anders wird. Und das sind Bilder, die auf den ersten Blick verstoren – ich weiß nicht, wie Sie die Lesung gerade gehört haben? 

Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere hin. Und wenn dich einer vor Gericht ziehen will, um dein Gewand zu nehmen, dann lass ihm auch den Mantel. Und wenn dich einer nötigt, eine Meile mitzugehen, dann geh mit ihm zwei. 

Wir sind im Laufe unserer Geschichte sehr unterschiedlich mit diesem Text umgegangen. Da gab es den, der gesagt hat: Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen. Da gab es die, die gesagt haben: Richtig so, Christinnen und Christen haben sich aus militärischen Aktionen rauszuhalten und keine Waffen anzufassen. Die waren kaum überraschend so lange in der Mehrheit, wie das Christentum in Rom noch nicht Staatsreligion war und Christen sowieso keinen Militärdienst geleistet haben. Da gibt es die, die genau hingucken (und die mit rechts und links mehr anfangen können als ich), die sagen: Moment – stellt euch das mal bildlich vor (liebe Kinder zuhause, bitte nicht nachmachen): Es geht hier um die rechte Backe. Ein Rechtshänder, und das waren auch in der Antike die Mehrheit, schlägt aber nicht auf die rechte, sondern auf die linke Backe. Ein Schlag auf die rechte Backe wird mit dem Handrücken ausgeführt und ist also nicht eine Ohrfeige im eigentlichen Sinne, sondern ein Schlag ins Gesicht, der Verachtung ausdrückt, der eher als Beleidigung gedacht ist. Was Jesus also eigentlich meint, ist, dass wir drüber stehen sollen, wenn uns jemand beleidigt oder mit Verachtung straft. 
Ich finde das klug und bedenkenswert, aber ich finde auch verbale Schläge manchmal schmerzhaft genug. Und ich möchte versuchen, Jesus zu verstehen ohne „eigentlich“, auf dass ja bekanntlich immer ein „aber“ folgt, das wiederum bekanntlich immer alles verneint, was vorher gesagt wurde. 

II. Jemand schlägt dich – und du forderst ihn quasi auf, das nochmal zu tun. Jemand will vor Gericht von einem Armen das Untergewand pfänden lassen – und der gibt ihm direkt noch den viel wertvolleren und vor allem wärmeren Mantel dazu. Und jemand zwingt einen anderen, eine Meile mit ihm zu gehen. Das konnten im römischen Reich zum Beispiel Beamte oder Militärs sein, die von der Zivilbevölkerung Weggeleit oder Proviant einfordern konnten. Und dieser andere sagt: Super, klar komme ich mit, aber warum nur eine Meile, wenn wir schon dabei sind – ich gehe gleich zwei mit. Das sind, bei Licht betrachtet, alles ziemlich verrückte Ideen. Und ich glaube, sie sind genauso gemeint. 


In der Psychotherapie, auch in der Seelsorge, gibt es die sogenannte paradoxe Intervention. Das sind Maßnahmen, die scheinbar genau das Gegenteil von dem verursachen, was man eigentlich erreichen will, aber dann genau dahin führen. Vielleicht ist Ihnen das schon einmal in Erziehungsratgebern begegnet: Wenn Ihr Kind sich partout weigert, den Broccoli zu essen und nur Nudeln will, dann machen Sie die klare Ansage: Du bekommst erst wieder Broccoli, wenn du alle deine Nudeln aufgegessen hast! Und staunen Sie, was sie für ein broccoligieriges Kind zuhause haben! 
Paradoxe Interventionen überraschen das Gegenüber, bringen es aus dem Konzept und sollen den Trotzkopf in uns wecken, der immer das Gegenteil von dem tun will, was andere von ihm verlangen. Vielleicht schlägt Jesus auch hier paradoxe Interventionen vor – Mahatma Gandhi und Martin Luther King haben ihn so verstanden und damit großen Erfolg gehabt. Ich glaube aber, dass es Jesus nicht um psychologische Taschenspielertricks geht. Ich glaube, es geht ums Prinzip. 

Paradoxe Intervention – das könnte fast sowas wie Gottes Handschrift in der Lebensgeschichte Jesu sein. Das fängt ganz am Anfang an: Das Volk erwartet den Messias. Wunderrat, Ewig-Vater, Friede-Fürst – und Gottes Sohn kommt als kleines Kind in einem Stall abseits der Weltgeschichte zur Welt. Als es erwachsen geworden ist, geht ebendieses Kind auf verhasste Outsider zu und sagt: Heute muss ich in deinem Haus zu Gast sein. Wenn er über den Himmel befragt wird, erzählt er von der Erde und vom Ackerbau. Und am Ende seines Lebens lässt sich Jesus verhaften, auspeitschen und umbringen – und verhilft gerade dadurch dem Leben zum Sieg. 

So verstehe ich diese Sätze aus der Bergpredigt. Als paradoxe Interventionen. Als Ratschläge, die völlig abseits von dem stehen, was wir sinnvoll, zielführend oder rechnerisch richtig finden würden. Es ist Ihnen ja vielleicht aufgefallen, dass wir diese Woche das Reformationsjubiläum gefeiert haben. Vor 500 Jahren hat Luther genau das gemacht, als er ein funktionierendes System angegriffen hat. Und der Ablasshandel war ein funktionierendes System – und aus psychologischer Sicht sogar eigentlich sehr sinnvoll: Wenn ich mein Seelenheil erkaufen kann, dann gibt mir das das gute Gefühl, dass ich mein Leben selbst in der Hand habe. Und warum sollte Gott anders funktionieren als der Rest der Welt? Was nichts kostet, ist nichts, jeder ist seines Glückes Schmied, und umsonst ist nur der Tod. Und Luther sagt: Lasst das Geld in der Tasche. Lasst das Schachern und das Feilschen und das Vorsorgen. Gottes Gnade wird in einer tränentreibenden Verschwendung ausgegossen, im Himmel gibt es keine doppelte Buchführung. Darum: Sündige tapfer! Hat Luther auch gesagt. Und: Ich bin frei in allen Dingen – und Jedermanns Knecht. Und in seiner Folge Nikolaus Herrmann: Gott wird der Knecht und ich ein Herr, das mag ein Wechsel sein! Eigentlich bin ich ganz anders, aber ich komme so selten dazu. Jetzt ist die Zeit der Gnade. Und Christoph Lichtenberg sagt: Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders ist. Ich weiß aber, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll. 

III. In den paradoxen Interventionen öffnen sich Räume. Wenn dich einer nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei. Geh mit ihm drei Kilometer statt anderthalb. Und guck zu, wie die Strecke sich ändert. Wie sich auf der zweiten Meile auf einmal ein Weg eröffnet, den keiner von euch geplant hat. Ihr müsst euch über das Ziel verständigen. Geht nebeneinander her, vielleicht schweigend. Ab dem dritten Kilometer ungefähr passen sich eure Schrittlängen einander an. Die Grenzen verschwimmen zwischen dem, der vorangeht und dem, der nachläuft. Vielleicht durchbricht irgendwann jemand das Schweigen, und Ihr kommt ins Gespräch. Vielleicht reicht auch einfach nur einer dem anderen den Schlauch mit dem Wasser, ist plötzlich eine Hand da, wenn einer stolpert, vielleicht braucht es weder Worte noch Gesten, weil miteinander gehen auch ohne das alles etwas mit Menschen machen kann. Interventionen eröffnen Räume, wo es anders wird. 

IV. Mit der Bergpredigt lässt sich keine Politik machen, hat Helmut Schmidt gesagt. Oder Karl Carstens. Oder wer auch immer. Und eigentlich haben sie Recht. Eigentlich. Aber ich glaube nicht, dass Jesus seine Beispiele hier als TO-DO-Liste gemeint hat, die man abhaken kann, um sich als besonders guter Christ zu fühlen. Ich glaube, dass manche Sätze für manche Leute gar nicht gedacht sind – es gibt Menschen, die beigebracht bekommen haben, Schläge einzustecken. Alles runterschlucken, nur nicht aufmucken, sich bespucken lassen, niemand in die Augen gucken. Vielleicht geht es einigen von Ihnen so. Und wissen Sie was? Ich glaube nicht, dass Sie mit dem Satz mit der rechten und der linken Backe gemeint sind. Die Berpredigt ist keine Anleitung zum Unglücklichsein, keine Liste zum Abhaken, sondern eine Einladung zum Weiterspinnen und zum Sehen, wie Gottes Reich die offenen Räume zu füllen beginnt. 

Wenn alle über einen lästern, sag was Nettes über ihn. 
Wenn dir jemand einen Vorwurf macht, gesteh ihm noch zwei-drei weitere Unzulänglichkeiten deinerseits. 
Wenn jemand ein Kompliment braucht, gib ihm zwei. Und ein Stück Schokolade. 
Wenn jemand dein Geld will, gib ihm das Handy gleich mit. 
Wenn dich jemand zwingt, ihm eine Stunde zuzuhören, schenke ihm auch eine zweite. 
Wenn Du kein Geld hast, lade jemanden zum Essen ein. 
Wenn Du jemanden auf den Tod nicht leiden kannst, dann bete für ihn. 

Nur Sie wissen, wie es weitergeht. 

Amen.

Samstag, 30. September 2017

Erntedankmalanders



ANFÄNGLICHE ÜBERLEGUNGEN


Am Anfang stand das Stadtkindsein. Und die Erkenntnis, dass es wenig Sinn ergibt, für einen Tag im Jahr Strohballen zu mieten, nur um wenigstens eine Andeutung der Hochstimmung herzuzaubern, in denen in ländlichen Gebieten mit noch echten Bauern und Feldern und so der Erntedankgottesdienst mit großem Besteck und pomp and circumstances begangen wird. Am Anfang stand also die Frage, wie man Erntedank mit einer Gemeinde feiern kann, in der Saat und Ernte außer bei Geranien keinen wirklichen Sitz im Leben mehr hat und man also auf umfangreiche und z. T. intellektuell recht anspruchsvolle Transferleistungen vertrauen muss. Philipp Beyhl schreibt dazu in seiner Dissertation von 2007: "Es bleibt ein unmögliches Fest, wenn es als Modifikation alter Ernte- oder vergangener Erntedankfeste verstanden wird". Auswege hieraus bietet sicherlich Brot für die Welt, wo jedes Jahr kluge und vielseitige Arbeitshilfen und Gottesdienstentwürfe herausgegeben werden - die aber bei uns in der Gemeinde schon in einer Kirche gut umgesetzt werden. 

Am Anfang stand auch Thanksgiving. Genauer gesagt, die Abschlussszene aus dem schlimm-großartigen Film Latter Days von C. Jay Cox, in dem es um das Coming-Out eines jungen Mormonenmissionars geht. Am Ende laufen die Fäden zusammen, und je öfter ich die Szene sehe, desto mehr entdecke ich Dinge, bei denen ich denke: So stelle ich mir Kirche vor, so soll Gemeinde sein. 

A toast, an affirmation, a prayer of thanks. I want you to know that, wherever we find ourselves in this world, whatever our successes or failures, come this time of year, you will always have a place of my table. And a place in my heart. 

Überhaupt, Jacqueline Bisset alias Lila Montagne würde eine ziemlich gute Pfarrerin abgeben. Die Schlussszene kann man übrigens hier angucken. 

Am Anfang stand auch ein Gemeindeprojekt, das Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Herkünfte und Milieuzugehörigkeit ein anderes Verhältnis zum Säen und Ernten beschert hat: Der Gemeinschaftsgarten Uellendahl, über den Stadtteil verteilte Hochbeete, die von Grundschulklassen, KiTa-Gruppen, Konfis mit Seniorinnen und Geflüchteten bewirtschaftet werden. Am Anfang war auch mal die Idee, draußen rund um die Beete zu feiern - aber in Wuppertal sind die Wetteraussichten im Frühherbst dann doch alles andere als sonnig...




DIE IDEE


Aus diesen Anfängen, und den übergeordneten Zielen, den Abend als gottesdienstliche Zeit zurückzuerobern und nochmal neu über das Abendmahl nachzudenken, entstand die Idee, im Gottesdienst aus den Ernteerträgen der letzten Saison etwas zu kochen. Und wenn schon, dann natürlich auf dem Altar Abendmahlstisch. Die Idee ist nicht neu, Thomas und Gabi Erne haben das u. a. 2012 schon einmal gemacht, aber wir wollten es ein bisschen weniger ostentativ haben, als es schnittbedingt im Video den Anschein hat: Das Kochen sollte ein natürlicher Teil des Gottesdienstes sein - gleichzeitig ging es natürlich auch, in bester Kirchentagstradition, um den "Ruf in die Gemeinschaft der Christinnen und Christen mit Christus, das Gedächtnis an sein Leben und Wirken für uns, die Vergebung von Schuld, de[n] Ruf zur Einheit, die körperliche Wahrnehmung mit allen Sinnen, die Heiligung des alltäglichen Essens und Trinkens, die Gegenwart des Auferstandenen unter uns, de[n] Blick in das Reich Gottes". Wir wollten dabei keinen ausdrücklichen Abendmahlsgottesdienst feiern - aber unter diesen Vorzeichen verschwimmen die Grenzen ohnehin. Die theologische Fachliteratur zum Thema "Essen und Glauben" ist, zumal im englischsprachigen Bereich, enorm breit gefächert - an dieser Stelle sei exemplarisch das wunderbare Buch "The Theology of Food. Eating and the Eucharist" von Angel F. Méndez Montoya (Hoboken NJ u. a. 2009) empfohlen - schon allein deswegen, weil der Verfasser öfters schon einmal in Wuppertal zu Gast war.

Also haben wir zu einem Koch-und-Ess-Gottesdienst am Samstag vor Erntedank eingeladen und über die verschiedenen Kanäle um Zutatenspenden gebeten - vorzugsweise Selbstgezogenes oder -geerntetes. In beiden Jahren kam jeweils genug zusammen. Beim ersten Versuch vor einem Jahr gehörte der Samstag den Konfis, mit ihnen haben wir das bewährte Abendmahlsbrot gebacken. Das hatte den Vorteil, dass die Konfis, die dann auch im Gottesdienst waren, sich sehr schnell als Gastgeber_innen verstanden haben. Dieses Jahr hatten wir nochmal eigens zum vorbereitenden Schnibbeln eine Stunde vor Beginn eingeladen. Einerseits aus Gründen der Arbeitsökonomie, andererseits machen wir auch die Erfahrung, dass die praktische Mithilfe vor allem in der Küche für viele eine Möglichkeit des (Wieder-)Einstiegs in das Gemeindeleben bietet. Wenn das Format erst einmal ein bisschen routinierter geworden ist, könnte man darüber nachdenken, diese Punkt auch nochmal religionspädagogisch zu unterfüttern, z. B. mit Gesprächsanregungen, Geschichten oder kleinen Inputs zu den jeweiligen Lebensmitteln oder zum Thema "Essen und Glauben".

Vielleicht vor dem Ablauf nochmal kurz etwas zum Setting: In der Kirche sind Esstische für jeweils 7-8 Personen aufgestellt und eingedeckt, inkl. einer Suppenterrine. Auf einem niedrigeren Tisch vor dem Abendmahlstisch (oben drauf zu kochen wäre wegen der Höhe arbeitssicherheitsmäßig problematisch) steht ein großer Topf mit Gemüsebrühe auf einer Induktionsplatte, daneben oder drum herum die vorbereiteten Zutaten - die Deko wird also fast komplett verwendet. Während der Lieder kommen die Zutaten je nach Garzeit in die Suppe; hier kann man gut Kinder beteiligen. In der Küche wartet außerdem ein weiterer vorbereiteter Topf - nach unseren Erfahrungen braucht man für 40 Leute zwei randvolle 10-Liter-Töpfe Suppe. Wenn es ans Essen geht, kommt von jedem Tisch eine Person mit der Terrine nach vorn - allein das ist ein zutiefst rührender und theologisch sehr stimmiger Anblick: Die Leute kommen zum Altar, um satt zu werden. Das Brot wird von den Konfis ausgeteilt. 




Es gibt noch einige andere interaktive Elemente, hier erstmal der Ablauf:


DER ABLAUF

  • Musik zum Eingang (fängt schon 5 Minuten vor Beginn an
  • Begrüßung und entfaltetes Votum, dabei strophenweise Lied: "Du bist da, wo Menschen leben/lieben/hoffen"; währenddessen: Kerzen auf den Tischen anzünden
  • Eingangsgebet (ist auf dem Liedblatt abgedruckt und wird von einer/einem Freiwilligen gelesen)
  • Lied
  • Lesung
  • Lied
  • Predigt 
  • Meditative Reflexion
  • Lied
  • Fürbitte/Sharing, dazwischen Liedstrophe
  • Unser Vater
  • Essen (nach 30 Minuten mal checken, wie weit die Leute sind)
  • Kurzes Dankgebet
  • ggf. Abkündigungen
  • Lied
  • Segen
  • Musik
Liedblatt: Auf dem Liedblatt ist der gesamte Ablauf notiert und kommentiert.
Meditative Reflexion: Die Predigt endet mit einer Frage. Letztes Jahr, als es um das Säen und Ernten ging, mit der Frage: "Für welche Ernte bin ich dankbar? Welche steht noch aus? Um welche Saat, die noch nicht aufgegangen ist, trauere ich?" Dieses Jahr, wo es um Menschen ging, von denen man etwas über das Leben und/oder den Glauben gelernt hat: "Was habe ich über Leben und Glauben gelernt? Wem bin ich dafür dankbar? Was habe ich selbst weiterzugeben?" 
Nebenbei: Das gottesdienstliche Aufschreiben von Dingen auf Zettel ist in den letzten Jahren in der Liturgiewissenschaft ein bisschen in Ungnade gefallen. Wir machen aber in der Gemeinde durchgehend die Erfahrung, dass Menschen ein Bedürfnis haben, etwas dazulassen und etwas weiterzugeben - allen voran die Generation der Ü70er, die so oft als Argument für traditionelle Gottesdienstgestaltung herhalten müssen. Im Kern geht es uns dabei außerdem in die Führung zum Gebet und damit um liturgisches Lernen:
Sharing: Auf dem Liedblatt steht die lapidare Anweisung: "Wer mag, liest etwas von seinem Zettel vor. Etwas, wofür wir danken. Etwas, worum wir bitten. Niemand muss. Aber wir beten gern. Dazwischen singen wir..." Zwei Handmikros werden zu diesem Zweck an den Tischen rumgereicht. Das klappt überraschend gut, je nach Fragestellung verschwimmen die Redeintentionen ein bisschen zwischen Mitteilung und Gebet, aber die Erfahrung ist, dass die Gemeinde das gut aushalten und mittragen und gestalten kann. 

ZU BEACHTEN

Nach zwei Versuchen ist es noch etwas früh, um hier handfeste Tipps zu geben. Aber ein paar Hinweise, wo wir selbst nachbessern wollen bzw. es nach dem ersten Gottesdienst schon getan haben: 
Das veränderte räumliche Setting bringt es mit sich, dass der_die liturgisch Verantwortliche und/oder Predigende seinen/ihren Platz neu suchen muss. Möglich ist, etwa die Predigt im Stehen am Platz zu halten - das setzt aber voraus, dass man nicht mit dem Rücken zu einigen Tischen steht. Andere Dinge funktionieren im Sitzen, etwa (in gut reformierter Tradition) die Gebete.
Moderative Ansagen müssen klar sein, damit die Gemeinde sich in dem fremden Ablauf und dem ungewohnten Setting leicht zurecht findet. Die unterschiedlichen Elemente des Gottesdienstes müssen zusammen gehalten werden, das setzt einiges an Vorüberlegen und eventuell auch an Ausprobieren voraus. Insbesondere beim Sharing muss die Ansage klar sein: Alle dürfen, niemand muss, es ist aber schon schön, wenn ein paar sich laut äußern. Das kennt unsere Gottesdienstgemeinde vom Bibliolog, ein bisschen Vorerfahrung mit dem Mit-Teilen eigener Sichtweisen und Erfahrungen ist also auf jeden Fall von Vorteil.
Die Technik muss vorher klar sein. Beim ersten Mal haben wir eine Viertelstunde rumprobiert, bis uns aufgefallen war, dass irgendjemand den ursprünglich bereitstehenden Topf gegen nicht-induktionsfähiges Kochgeschirr ausgetauscht hatte. Im Zweifelsfall: Magnet bereithalten, um das schnell kontrollieren zu können. Wenn man den richtigen Topf hat, reicht die Zeit auf jeden Fall, um die Zutaten weichzukochen. Es ist aber sinnvoll, jemanden auszugucken, der_die die Verantwortung für den Kochvorgang hat, damit man nicht während der Predigt die ganze Zeit zum Kochtopf schielen muss. 
Die Hilfstruppe beim vorbereitenden Schnibbeln braucht, wenn es sich hier nicht um ganz alte Hasen handelt, die sich in der Gemeindeküche zuhause fühlen und die Arbeitsabläufe kennen, irgendjemanden, der_die sie anleitet und neben den Aufgaben auch die Zeit im Blick hat. Das kann auch eine Möglichkeit sein, engagierte Gemeindeglieder an das Thema "Leitung" heranzuführen und ausprobieren zu lassen.
Das Kochen in der Kirche wurde von der Gemeinde durchgehend als sehr schön und stimmig und "richtig" empfunden - es kann aber Gemeinden geben, denen der Kirchraum insgesamt, vor allem aber der Altarraum heilig ist. Bei uns ist der Anblick von Tischen in der Kirche zwar nicht die Regel, aber auch nichts komplett Unbekanntes, außerdem übernachten alle Nase lang Konfis oder Kindergruppen in der Kirche. Wo der zu erwartende Widerstand gegen das Kochen in der Kirche so groß ist, dass man die ganze Zeit (und sei es unterschwellig) nur mit Apologetik beschäftigt ist, sollte man gut überlegen, ob man diese Gottesdienstform ausprobieren will bzw. ob das wirklich das ist, was die Gemeinde will oder braucht. Ähnliches gilt, wenn die Bestuhlung nicht flexibel genug ist - da wird es schnell zum Showkochen, und das sollte es zumindest nach unserem Konzept nicht sein. 

UNSER FAZIT

Wir erleben, dass die andere Gottesdienstzeit (Samstag, 17 Uhr) die Besucherstatistik mehr beeinflusst als das Setting des Gottesdienstes. Der Erntedankgottesdienst war in den letzten beiden Jahren in etwa so besucht wie ein leicht unterdurchschnittlich besuchter Sonntagsgottesdienst (40-50 Leute) - allerdings ist auch für weniger Leute Platz. Und: Es kommen andere Leute, das Durchschnittsalter ist deutlich jünger. Und: Die Rückmeldungen sind sehr positiv, für das nächste Jahr haben sich bereits mehrere zum Schnibbeln angemeldet. Auch im zweiten Jahr gab es schon mehrere mitgebrachte Kuchen. Für das nächste Mal wollen wir noch stärker überlegen, wie man Kinder besser einbinden oder wenigstens (für die Unter-Dreijährigen) altersgemäßer beschäftigen kann, und sei es mit einer Spielecke. Außerdem fangen wir eine halbe Stunde eher mit dem Schnibbeln an... Das Fazit ist jedenfalls: Wir machen auf jeden Fall weiter!

Freitag, 29. September 2017

Zurück ans Lagerfeuer



Ich mag Abendgottesdienste. Vor allem, weil ich, glaube ich, eher Nachteule als Morgenmensch bin. Aber auch das ganze andere. Das Licht, das anders ist, die Kerzen, die umso heller leuchten. Das gute Gefühl, wirklich Feierabend zu haben, wenn ich die Kirche verlasse. Mit einem Segen in die Nacht zu gehen. Die selten gesungenen Abendlieder, die so viel lebensweiser und so viel poetischer als das (für mich immer halb gelogene) "All Morgen ist ganz frisch und neu" über das Leben mit einem mutmaßlich bewohnten Himmel überm Kopf singen. 


In der evangelischen Landeskirche sind Abendgottesdienste selten. Unter der Woche findet abends trotzdem ein Großteil des kirchlichen Lebens statt: Gruppen und Kreise, aber vor allem auch Gremienarbeit. Was nicht weiter verwundert, da in den Sitzungen überwiegend ehrenamtlich Engagierte sitzen, die hier ihren Feierabend verbringen. 

Letztens bin ich auf die Forschungen der US-amerikanischen Anthropologin Polly W. Wiessner gestoßen. Die hat längere Zeit bei den Ju|'hoansi gelebt, einem indigenen Volk in der Kalahari-Wüste. Sie hat dort die Kommunikationsgewohnheiten untersucht und in einem sehr aufschlussreichen Aufsatz folgendes Ergebnis über den Unterschied der Gespräche am Tag und bei Nacht am Lagerfeuer festgehalten (wer nicht so viel Zeit hat, kann sich auch einen kürzeren Artikel zu Gemüte führen, aus dem das folgende Zitat stammt):

Tagsüber drehen sich die Gespräche vor allem um ökonomische Aktivitäten - Arbeit, Essensbeschaffung, Austausch über Ressourcen. [...] Es hat viel mit sozialen Themen und mit Kontrolle zu tun: Kritik, Beschwerden und Nörgelei. Abends und nachts lassen die Menschen los, werden lockerer und suchen Unterhaltung. Wenn es tagsüber Konflikte gegeben hat, lassen sie diese hinter sich und kommen wieder zusammen. Abendliche Gespräche haben mehr mit Geschichten zu tun, mit der Unterhaltung über die Charaktereigenschaften Dritter, die aber zum weiteren Netzwerk gehören, und mit dem Nachdenken über die Welt der Geister und wie diese die Menschenwelt beeinflussen. Es gibt auch Singen und Tanzen, was innerhalb einer Gruppe verbindet.

Wiessner bestätigt damit die umfangreiche Forschung vor ihr, die die Bedeutung der Kontrolle über das Feuer für die menschliche Entwicklung insbesondere im Blick auf sozial wirksame Narrative herausgestellt hat. Es scheint kein weiter Weg, von dort aus auf die Traditionsprozesse der biblischen Bücher zu schließen, deren Sitz im Leben ja zumal in früher Zeit das nomadische Lagerfeuer war. Wiessners Untersuchung macht deutlich, dass es hierbei nicht nur um bloße Unterhaltung und Wissensweitergabe, sondern auch um die Konstruktion sozialer und spiritueller Identitäten geht. Die Theologie weiß das schon länger, bei der Kirche bin ich mir nicht so sicher. 



Immerhin, eins haben wir behalten: Kerzen. Wiessner misst dem Feuer in der Nacht nicht nur als Schauplatz sozialer Interaktion, sondern auch als Medium große Bedeutung bei: 

Ausreichend heller Feuerschein unterdrückt die Melatoninproduktion und sorgt für Energie zu einer Tageszeit, zu der wenig wirtschaftlich produktive Arbeit geleistet werden kann, dabei gibt es genug Zeit. In der heißen Jahreszeit hilft die Kühle des Abends, aufgestaute Energie zu entladen, in der kalten Jahreszeit rücken die Leute zusammen. Die Gemeinschaft am Feuer setzt sich oft, wenn auch nicht immer, aus Menschen verschiedener Altersstufen und Geschlechter zusammen. Mond und Sterne wecken Imaginationen des Übernatürlichen ebenso wie ein Gefühl der Verwundbarkeit gegenüber bösen Geistern, Raubtieren und Feinden, denen man die Gemeinschaft entgegenhält. Körpersprache wird im Feuerschein weniger deutlich, das Bewusstsein für sich selbst und andere ist geringer. [...] Die Themen des Tages werden fallen gelassen, während kleine Kinder im Schoß von Verwandten einschlafen. [...] Die Sehnsucht nach dem Feuer als Schauplatz sozialer Vertrautheit und Offenheit im Gespräch bleibt in hohem Maße ein Bestandteil modernen Lebens und ein potenzielles Forschungsfeld. Obwohl Gespräche am Lagerfeuer in unserem täglichen Leben selten sind, bleiben sie ein geschätzter Bestandteil von Pfadfinderausflügen, Picknicks, Outdoor-Trips und ökotouristischen Unternehmungen, die auf soziale Intimität und das Teilen von Wissen zielen. Die Macht der Flamme wird in unseren Häusern durch Kamine und Kerzen reproduziert. Der dänische Geist des "hygge" (Gemütlichkeit in Gemeinschaft) ist vom planvollen Platzieren von Kerzen, "lebenden Lichtern" gekennzeichnet, um vertrauliche Gespräche zu ermöglichen.



Schon hier könnte man pausieren und darüber nachdenken, wo solche Erfahrungen im kirchlichen Leben jenseits von Konfifreizeiten ihren Sitz im Leben haben könnten. Wiessner geht aber noch einen Schritt weiter und wirft Fragen auf, die sich an der Möglichkeit der Tagesverlängerung durch elektrisches Licht entzünden - damit ist sie keineswegs allein, zahlreiche Vertreter religiöser und säkularer Spiritualitätsansätze thematisieren das in schöner Regelmäßigkeit: 

Wie Jäger und Sammler wächst unsere Vorstellungskraft, gewinnen neue Perspektiven und erweitert sich unsere Horizont anhand von Geschichten. Nichtsdestotrotz dringen künstliches Licht und digitale Kommunikation weltweit in die Nacht ein, verwandeln Stunden der Dunkelheit in ökonomisch produktive Zeit und überlagern so die Zeit für Geselligkeit und Geschichten. Der Tag endet auf Knopfdruck, ohne dass man sich die Zeit nimmt, Beziehungen zu pflegen, zu entdecken, zu reflektieren oder zu heilen, oder die Themen des Tages mit der Kohle verglühen zu lassen. 




Wiessners Gedanken beschäftigen mich schon eine ganze Weile, weil in der von ihr untersuchten Gemeinschaft am Lagerfeuer Dinge aufscheinen, die mir (und, wenn ich meinen Gemeindegliedern glauben kann, anderen auch) im kirchlichen Alltag fehlen: Das scheinbar ziel- und zwecklose Beisammensitzen, das Teilen von Geschichten und Erfahrungen, das gemeinsame Erleben des Ausgesetztseins und gleichzeitigen Gehaltenseins unter freiem Himmel. Mit Abendgottesdiensten allein ist das sicherlich nicht zu ersetzen, und natürlich lassen sich nicht alle Sitzungen am Abend einfach so abschaffen. Immerhin: In unserem Presbyterium (und in anderen auch) gibt es den klugen Grundsatz, dass nach 22 Uhr keine Beschlüsse mehr gefasst werden. Vielleicht lassen sich durch kleine Akzentverschiebungen bereits Dinge wiedergewinnen, die im Alltag leicht verloren gehen. Zum Beispiel dadurch, dass die unvermeidliche Andacht nicht zu Beginn, sondern am Ende einer Sitzung gehalten wird. Die wird nicht mehr nach dem Muster einer Mini-Predigt zur Tageslosung oder zu einem bestimmten Thema funktionieren, sondern wahrscheinlich zur Entwicklung oder Wiederentdeckung eigener Formen führen, die stärker auf Gemeinschaft, stärker auf Spüren, Erleben und Teilen abzielen.

Bewahre uns, o Herr, wenn wir wachen,
behüte uns, wenn wir schlafen,
auf dass wir wachen mit Christus
und ruhen in Dir.

Sonntag, 24. September 2017

Ja, aber...? | Predigt im Jubiläumsgottesdienst (Mt 6,25-34)

Manchmal erwischt es einen. So wie vor ein paar Tagen. Irgendwo zwischen theologischem Nachmittag und Jugendausschuss ein Anruf. Die Band braucht noch irgendetwas, das wir nicht haben. Weitere Anrufe bei diversen Leuten, wer so etwas haben kann. Niemand. Haut das trotzdem hin? Ein sorgenvoller Blick auf die Wetter-App. Bleibt’s dabei, Sonne und kein Regen? Und die ganzen anderen Fragen: Wie viele Leute kommen wohl heute? Hoffentlich haben wir genug zu essen, und wer wollte nochmal den Getränkestand besetzen? Und mittenrein spricht Jesus: Darum sollt ihr euch nicht sorgen. 

Ein Teil in mir atmet für einen winzigen Moment erleichtert auf. Und ein anderer Teil, der, der in der Regel um einiges größer ist, sagt sofort: Ja, aber… In der Seelsorgeausbildung habe ich gelernt, dass ein Aber immer alles, was davor gesagt wurde, zunichtemacht. Das war ganz beeindruckend, wie laut sie vorhin alle gesungen haben, richtig mitreißend. Aber das waren ja auch bekannte Lieder. 

Ja, aber. Nicht „Ja“ und „Amen“. Ja, aber. 
Wenn ich ehrlich bin, durchzieht das „Ja, aber“ meinen Glauben. Vielleicht ist das zutiefst menschlich. Von der Stelle bringt es allerdings nicht: Ja, aber… ein halber Schritt nach vorn, ein ganzer wieder zurück. 

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Ja, aber satt werden möchte ich schon. 

So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel… unser tägliches Brot gib uns heute. Ja, aber wenn ich davon etwas einfrieren kann, ist auch gut. 

Seht die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Ja, aber auch Vögel sterben doch. Verhungern oder werden gefressen oder knallen gegen Fensterscheiben. 

Sorgt euch nicht. Ja, aber wir sorgen uns doch, wir, die wir hier sitzen, in unserem Teil der Erde vielleicht nicht um Essen und Kleidung, aber Sorgen gibt es weiß Gott genug, Sorgen von der Sorte, die sich nicht einfach so mit einem Blick in den Himmel oder die Botanik wegwischen lassen. 
Woher kommt das Geld für die Stromrechnung in diesem Monat? 
Ist meine Ehe noch zu retten? 
Was steht am Montag rot auf weiß unter der Mathearbeit? 
Was heißt das für mich, wenn in den Nachrichten gesagt wird, dass bei Thyssenkrupp 2000 Stellen gestrichen werden sollen? 
Ist dieser Knoten, den ich da ertaste, echt, und verbirgt sich dahinter etwas Böses? 
Was wird aus uns, wenn sich tatsächlich viele Leute verarschen lassen und die AfD wählen?

Und seltsamerweise – wenn die Fragen so hart auf hart kommen, verstehe ich einen Teil von dem, was Jesus sagt. Es gibt ein Zuviel an Sorgen. Es gibt die Gefahr, sich zu versteifen, zu fixieren, nichts mehr zu sehen als das, worüber man sich Sorgen macht, weil alles nur noch darum kreist. Der Mensch ist das Tier, das sich sorgt, hat Robert Gernhardt einmal gesagt. Luther, neben anderen, hat vom in sich selbst verkrümmten Menschen gesprochen. Und Jesus sagt: Ihr seid mehr. Mehr als die Spatzen am Himmel, mehr als die Wildblumen auf dem Feld. Mehr als das krumme Holz, zu dem ihr euch selber macht. Kopf hoch. Wenn Ihr keinen Ausweg mehr seht, wenn Ihr merkt, dass sich all Euer Denken nur um den morgigen Tag dreht, Ihr an nichts anderes mehr denken könnt als an Essen und Anziehen – dann guckt nach oben. Dazu müsst ihr Euch aufrichten. Und guckt in den Himmel und sehr euch die Vögel an. Und atmet einmal tief durch, fühlt, wie die Lungen sich mit Luft füllen und der Kloß im Hals sich ein bisschen bewegt. Und wenn Ihr keine Vögel seht und keine Blumen um Euch herum habt, dann tut es auch der Blick in das unendliche Blau einer sternenklaren Nacht oder auf das kleine Grasbüschel, das sich einen Weg durch eine Ritze im Asphalt bahnt. Alles, was Euch davon abhält, die halbe Nacht darüber nachzudenken, was morgen unter der Mathearbeit steht, oder im Internet in allen möglichen Gesundheitsforen nachzuschlagen, was ein Knoten oder auch nur ein simpler Husten alles für schreckliche Dinge sein können. 

Ja, aber… meldet sich ein Teil in mir, und vielleicht auch in Ihnen, und diesmal bin ich ganz froh darüber, weil er mich davon abhält, die Bergpredigt nur in lauter Kalendersprüche und Wellnessweisheiten zu zerlegen. Jesus sagt nicht: Wenn euch die Welt zu gemein ist, dann guckt euch ein paar Katzenvideos an. Das wäre für eine Antrittspredigt, und das ist die Bergpredigt im Matthäusevangelium, doch ein bisschen zu wenig, und für eine Predigt zum Jubiläum auch. Jesus sagt nicht: Ertränkt eure Sorgen in Kitsch oder Natur oder sonstwo, sondern mutet uns eine ganz andere Logik zu als die, der wir im Alltag folgen – die Logik des Sabbats, wenn man so will. Die Erfahrung: Ich lege die leeren Hände in den Schoß, lasse alle Arbeit ruhen, lege alles zur Seite, was mich die ganze Woche beschäftigt – und die Welt dreht sich doch weiter. Das ist keine Entspannungsübung. Im Judentum gilt das Halten des Sabbats als eines der wichtigsten Gebote überhaupt – und gleichzeitig als eins der schwersten. Vielleicht, weil Ruhe ohnehin schwer auszuhalten ist, vielleicht auch, weil dieses Nicht-Sorgen an den Fundamenten rüttelt, auf denen wir unser Leben aufbauen, weil es ent-täuscht im wahrsten Sinne des Wortes, an der Illusion kratzt, dass wir alle unser Leben selbst in der Hand haben. 

Das wiederum passt sehr gut zu einer Predigt zum Jubiläum. Denn wir feiern nicht uns selbst. Obwohl, doch, ein bisschen tun wir das, und das ist auch gut so. Aber [sic] wir sagen auch Danke dafür, dass wir hier in diesem Haus seit 50 Jahren Gemeinde sein durften und weiterhin dürfen. 

Die allermeisten von Ihnen sind viel länger in der Gemeinde als ich, aber auch ich habe in zwei Jahren die Erfahrung gemacht, dass alles Planen, alles Vorbereiten, alles Absichern hin nach allen Seiten seine Grenzen hat. Der letzte Sonntag war so ein Beispiel, ein Gottesdienst, der über wochenlange Chorproben und das Bestellen von Stempeln und UV-Farbe und besonderen Lampen sehr ausführlich vorbereitet wurde, und vor dem mindestens der Pfarrer ein bisschen schlecht geschlafen hat wegen all der Unwägbarkeiten. Und die, die nicht dabei gewesen sind, können sich erzählen lassen, wie es war, und wie viel da mit reingespielt hat, das wir weder voraussehen noch planen konnten. Und andersherum – wir haben auch in anderen Zusammenhängen erlebt, dass zum Beispiel Geld allein ein schlechter Ratgeber ist, weil selbst bei gewissenhafter Planung ein Restrisiko bleibt, in welche Richtung auch immer. In dem Vers direkt vor unserem Predigttext sagt Jesus: Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon. 

Das hat etwas Frustrierendes und Entlastendes zugleich – letzten Endes können wir als Gemeinde, das hat Jan Hendriks einmal gesagt, nichts anderes tun als Fässer mit Wasser herbeizuschaffen und darauf zu hoffen, dass der Herr sie in Wein verwandelt. Frustrierend, weil so auch unser kirchliches Leben viel weniger planbar ist als wir das gern hätten, als es eigentlich sein müsste angesichts der vielen Menschen, die davon abhängen. Und entlastend zugleich, weil die Zukunft unserer Kirche letzten Endes weder an Verwaltungsstrukturreformen, noch an Rücklagen oder Imagekampagnen hängt. So wichtig das auch alles ist – am Ende liegt die Zukunft dieses Hauses, dieser Gemeinde, liegt unser ganzes Leben in anderen Händen als in unseren. 

Und wem das jetzt zu wenig ist, der gehe nach dem Gottesdienst raus und gucke auf die Vögel am Himmel und die Blumen, die überall wild auf der Wiese wachsen und lasse sich daran erinnern, dass wir in guten Händen sind. Das befreit. Und das verändert den Blick auf die Welt. Interessanter Weise – den Vögeln zugucken, Blumen in Ruhe anschauen… das ist auch das, was einem Sterbende regelmäßig sagen, wenn man sie fragt, was sie anders machen würden. 

Es befreit, und es verändert den Blick auf die Welt In der Bergpredigt, in der Antrittsrede Jesu ist von Essen und Trinken die Rede, und vom Anziehen. In seiner letzten öffentlichen Ansprache wird auch nochmal davon die Rede davon sein, allerdings in einer etwas anderen Tonlage: Ich war hungrig, und Ihr habt mir zu Essen gegeben, ich war nackt, und Ihr habt mich gekleidet. Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan... Ich glaube nicht, dass diese Querverbindung ein Zufall ist. Wenn wir die Sorge um das eigene nackte Leben in andere Hände legen, wird der Blick frei, weitet sich der Horizont, und wir entdecken Gemeinschaft. Mit Barbara Brown-Taylor gesagt: Wenn wir uns als das erkennen, was wir sind, als Erdlinge, deren Leben nicht in der eigenen Hand liegt, finden wir uns plötzlich mit allen Menschen der Welt auf dieser Seite von Gottes Theke wieder.

„Ja, aber…“ sagt etwas in mir, aber der Teil ist ein bisschen kleiner als sonst. Und ich denke mir die Antwort: Ja, aber alles wird gut. Jetzt wird gefeiert.

Beten wir mit Worten von Jeremias Gotthelf:

Herr, unser Gott, du hast unzählige Wege, 
auf denen du möglich machst, 
was unmöglich scheint. 
Gestern war noch nichts sichtbar, 
heute nicht viel, 
aber morgen steht es vollendet da, 
und nun erst gewahren wir rückblickend, 
wie du unmerklich schufst, 
was wir unter großem Lärm nicht zustande gebracht haben.
Amen. 

EINGANGSGEBET AUS DEM JUBILÄUMSGOTTESDIENST

Ewiger Gott,

wir sind heute zusammen, um zu feiern und zu danken. 50 Jahre. Für uns ist das eine lange Zeit, für dich nicht mehr als ein Wimpernschlag. Aber wir vertrauen darauf, dass Du Dich auf unsere Maßstäbe einlässt, dass nichts, was wir tun, in deinen Augen zu klein ist. Und so treten wir vor dich, nicht nur mit dem Dank für alles, was wir erreicht haben. Sondern auch mit dem, was uns nicht gelungen ist, mit den dunklen Flecken unserer ganz eigenen Geschichte.

Gott, du suchst das Verlorene und bringst es heim.
Wir klagen dir die vielen Male, an denen wir Menschen verloren haben,
um die wir nicht genug gekämpft haben,
bei denen wir versäumt haben, genauer hinzuhören und zu verstehen.
Wir bitten dich auch für die blinden Flecke, die wir heute haben.
Die Menschen, die wir aus dem Blick verlieren,
nicht sehen, um die wir uns nicht kümmern.
Lass sie nicht allein, wo wir versagen,
und mach unsere Herzen weit
unsere Augen offen,
unsere Ohren hellhörig.

Gott des Friedens,
wir klagen dir das, wovon wir auch nicht frei sind.
Streit, Konflikte und Zwietracht um Dinge, die es nicht wert sind.
Wir bringen die Menschen vor dich,
die uns im Streit verlassen haben,
wir lassen die Frage los, ob sie recht hatten oder wir,
und legen sie Dir einfach ans Herz,
dass Du ihre Wege begleitest und sie segnest.

Gott, du sorgst für uns wie für die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Feld.
Wir klagen dir die falschen Entscheidungen,
die wir aus Angst getroffen haben.
Weil es uns schwerfällt, zu glauben, dass du für uns sorgen willst.
Weil es nicht einfach ist, uns einzugestehen,
dass letzten Endes alles in deiner Hand liegt.
Hilf uns, die Balance zu finden
zwischen Loslassen und Anpacken.
Und lass auch dort, wo wir falsch entscheiden,
aus deiner Gnade Gutes wachsen.

Gott, wir haben Grund zum Feiern und zum Danken.
Und Grund, einzusehen:
Wir haben keine Zuflucht als dein unergründliches Erbarmen.
Darum bitten wir dich.
Für uns und alle Welt:
Herr, erbarme dich.