Mittwoch, 27. Juli 2016

Warme Sachlichkeit, Kohlenstaub. Rezension von "Zarte Takte tröpfelt die Zeit" von Marlies Blauth



Manche Bücher, manche Texte lesen sich anders an anderen Orten. Man liest sie, und findet sie schön. Dann bringt man sie an die Orte, die sie beschreiben, liest sie, und stellt fest: Sie sind wahr. bergisches land heißt ein Gedicht. "in jedem haus wohnte / ein gott oder jesus". Das wusste ich. Also dass Wuppertal und das Bergische an sich und historisch bedingt um einiges frömmer ist als das Rauf und Runter der Rheinschiene. Beim ersten Lesen des Gedichts, irgendwo im letzten Sommer in Köln, nicke ich wiedererkennend. Jetzt, nach einem Dreivierteljahr Wuppertal, nicke ich beim erneuten Lesen wieder, aber anders als vorher. Langsamer, ein bisschen wissender. "ein karger segen war das / aber seelenkleidung gegen den wind". Und ich denke an Beerdigungs- und andere Gespräche mit Menschen, die "im Anfang" und "ein auf zwei Wochen" sagen und die einen Glauben haben, der ein bisschen ist wie Oppas Henkelmann: Einfach dabei, solide, eher zweckmäßig als elegant, von Omma mit Liebe gefüllt, wärmt und macht satt, und die Enkel denken manches Mal, dass das doch ganz praktisch und rührig war und fragen sich, was sie selbst in der Mittagspause essen sollen, wenn der Sushibastler, der Frittenschmied oder der Dönerdreher um die Ecke doch pleite machen würde. Ich schweife ab, aber gerade das geht gut mit diesem Buch. "irgendwo zwischen / almengrün und müdgrau / schlängelt sich meine erinnerung / über wege". Ich habe keine Ahnung, was Almen sind, aber ich weiß sofort, welches Grün sie meint, und welches Grau. Und ich kenne die Straßen und Wege, die um Wuppertal herum unelegante Pirouetten drehen, weil wieder mal ein Berg (oder, wie man hier sagt, "eine Höhe") im Weg oder zu steil war. 

Überhaupt ist das Buch ein sehr nordrhein-westfälisches. Die Autorin/Zeichnerin/Malerin/Denkerin stammt aus Dortmund und ist über Wuppertal an den Niederrhein gekommen. Und das spürt, sieht, liest, zumindest ahnt man, beim Lesen und Blättern. "Niederrhein" sagt der Kopf beim ersten Betrachten der Titelgrafik, und setzt in Gedanken kleine Ortsschilder zwischen die fließenden Farben. "Wachtendonck", "Straelen", "Kerken", und eher "Willich" als "Dinslaken". Auch die für ein paar Groschen bereiste kleine Heimat (Erinnerung/ Am Kiosk) ist sehr regionalspezifisch - versuchen Sie mal, in Baden-Württemberg irgendwo an einer Straßenecke für einen Euro eine gemischte Tüte zu bekommen. Und die Kohle! Sie hinterlässt Spuren, nicht nur in den besungenen Ruhrgebietsorten ("mein gold ist immer noch / in kohlepapier verpackt"), sondern auch in den Bildern, die hier und da in das Büchlein eingestreut sind und insgesamt für ein lockeres, atmiges, aber kein überspanntes Layout sorgen.

Form und Inhalt gehören bekanntlich zusammen, und was über das Layout gesagt wurde, trifft vielleicht auch den Inhalt am ehesten: Das Nordrhein-Westfälische. Das Lockere, aber nicht Haltlose. "Bodenständig" mag man von Lyrik ja nicht sagen, das klingt zu sehr nach Knittelversen, auch "Heimatdichtung" trifft es nicht. Eher... unaufgeregt-scharfsichtig. Blauth stellt fest, beobachtet Großes und Kleines, ohne eigenes Betroffensein zu verleugnen, aber auch ohne den Leser mit eigenen Regungen zu beelenden. Wenn es so etwas gibt, würde ich es "warme Sachlichkeit" nennen, weil es gefühlig ist und zugleich präzise: "Wenn sich die Tage zusammendrücken / man fahle Reste aufsammeln muss / und die Gedanken schon renoviert / im Hintergrund stehen." Unprätenziös, und dabei preziös in der eigentlichen Wortbedeutung von "kostbar". Man spürt den Asphalt und ahnt den offenen Himmel, hört im inneren Ohr die "dunkel gekochte Sprache".

Thematisch führen die Texte in die Lebensmitte. An vielen Stellen ist von "früher" die Rede, von Erinnerungen und dem sich einstellenden Gefühl der Endlichkeit des Lebens, ohne dass es allzu sentimental würde (anders als, wenn man an der Stelle einmal mäkeln darf, der etwas staksige Buchtitel es nahelegt) - der Kopf, der den Blick zurück wendet, ruht auf den Schultern des Jetzt, die Zeiten "verketten sich" im wiedersehen. Was Comeen sind, müsste ich googlen, ich muss es aber auch gar nicht wissen, sondern folge, wie auch an anderen Stellen, einfach dem Blick, der nicht jedes Geheimnis preisgibt.

In Kürze: Das Buch ist von Marlies Blauth, heißt "Zarte Takte tröpfelt die Zeit" und ist auf teurem und handgeschnittenem Papier im Wuppertaler NordPark-Verlag erschienen. Und Ihr solltet es kaufen und immer wieder lesen.

Sonntag, 24. Juli 2016

Zeitunglesen, Fangenspielen, Mitgehen - Predigt über Phil 3,7-14



(Predigttext aus der BasisBibel)

Karl Barth hat mal gesagt, man müsse als Theologe zwei Dinge lesen: Die Bibel und die Zeitung. Es gibt verschiedene Varianten seines Zitats, alle gehen in dieselbe Richtung: „Wie man beten soll, steht in der Bibel; was man beten soll, steht in der Zeitung.“ Manchmal ermöglicht die Bibel dann einen neuen Blick auf das, was in der Zeitung steht. Und manchmal liest man im Licht der Zeitungsmeldungen Bibeltexte anders als vorher. 

Es gibt Tage und Wochen, da müssen Predigten umgeschrieben werden. Diese Woche war so eine. Es fing an mit Nizza und Istanbul, es ging weiter mit Würzburg und München. Und ein Predigttext wie der, den Sie gerade in der Lesung gehört haben, bekommt einen anderen Klang. 

Paulus blickt auf sein Leben zurück. Auf sein altes Leben als jüdischer Gelehrter und Beamter, der ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben führte und von seiner Religion und seiner Identität so überzeugt, so erfüllt war, dass er die jungen christlichen Gemeinden von Amts wegen und aus vollem Herzen verfolgte. Das allein macht ihn verdächtig in diesen Tagen, in denen wir erleben, dass Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen alles andere ist als ein dunkles, aber zum Glück abgeschlossenes Kapitel der Menschheitsgeschichte. 

Paulus hat diese Phase seines Lebens hinter sich gelassen, die wundersame Begegnung mit dem Auferstandenen auf der Straße vor Damaskus hat ihm seine eigene Blindheit vor Augen geführt und die Augen geöffnet für das Neue. Die Bibel erzählt von vielen Begegnungen, die für die Beteiligten lebensverändernd sind. Und immer wieder geht es dabei um Menschen, die von einer falschen und verhängnisvollen Radikalität befreit werden. Einer Radikalität, die gefährlich ist und zum Töten bereit macht, weil religiöse Menschen das Bild, das sie von Gott haben, mit Gott selbst verwechseln. Paulus, Jona, Elia und andere müssen lernen, dass Gott größer ist als all unsere Bilder. 

Paulus hat dazugelernt, aber das macht ihn in dieser Briefpassage nicht unbedingt sympathischer. Was ihm früher wichtig war, ist jetzt in seinen Augen nicht mehr als Dreck. Auch wenn hier der Eifer der Frischbekehrten spricht, die bekanntermaßen meist päpstlicher sind als der Papst, fällt es schwer, von der unheilvollen Wirkungsgeschichte, die solche Sätze hatten und haben, abzusehen. Als im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit die Inquisition wütete, gehörten zu den für Juden gefährlichsten Figuren diejenigen, die selbst einmal Juden gewesen waren und die Polizisten, Richter und Henker mit allerlei haarsträubenden Geschichten über ihre religiöse Herkunftsfamilie fütterten, über all das, was sie jetzt für Dreck hielten. Auch Martin Luthers widerliche Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) bezog sich zu einem großen Teil auf solche Verleumdungen durch Neubekehrte. 

Aber, und das ist der eine Grund, warum ich glaube, dass dieser Predigttext auch und gerade angesichts dessen, was wir in der Zeitung lesen, notwendig und heilsam ist, aber Paulus spricht nicht über das Judentum. Das, was Paulus für Dreck hält, ist nicht seine jüdische Identität, sondern sein Status in der Gesellschaft. In einigen Versen zuvor, die Sie in der Lesung nicht gehört haben, zählt Paulus eine ganze Reihe von Eigenschaften und Leistungen auf, die ihm die Anerkennung seiner Umwelt absicherten: Seine Herkunft, sein frommer Eifer, seine religiöse Bildung. 

Paulus ist nicht judenfeindlich, aber sehr wohl kulturkritisch. Er wendet sich gegen eine Kultur, in der Ehre, und andere Männersachen, alles ist. Das, was wirklich zählt, ist nicht die gute Kinderstube oder ein prestigeträchtiger Nachname. Und auch nicht der lückenlose Lebenslauf oder das, was am Monatsende auf dem Konto steht. Nicht die Zeugnisnoten und auch nicht der Applaus der Mehrheitsgesellschaft. Und erst recht nicht die religiösen Leistungen. Das war die große Erkenntnis der Reformation, das spielt heute auch noch eine Rolle, und das möchte ich nicht nur den religiösen Gewalttätern, von denen es in jeder Religion welche gibt, entgegenrufen. Das muss ich mir selbst immer wieder ins Stammbuch schreiben lassen. Zum Beispiel dann, wenn ich im Presbyterium beim Tagesordnungspunkt „Bericht aus den Bezirken“ versucht bin, nur von dem zu erzählen, was bei uns ganz besonders gut läuft. 

Das, was wirklich zählt, worauf sich bauen und womit sich leben lässt, findet nach Paulus überhaupt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt in der Beziehung zwischen Christus und dem oder der Einzelnen. Die Verse am Ende des Predigttextes, in denen es um Zieleinläufe und Siegerkränze geht, werden oft und gern herausgeholt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in Predigten sportliche Metaphern bemühen wollen. Aber es geht nicht um einen Wettlauf zu einem Ziel, sondern um das Verstecken- und Fangenspielen zweier Verliebter, eine Szene, wie man sie zwischen Göttern und Menschen oft auf griechischen Vasen findet. Ein Bild, das zwei Figuren in ständiger Bewegung zeigt, abwechselnd Jäger und Gejagte. Wenn das die Welt verstünde, sähe manches anders aus: Glauben ist kein Wettkampf, sondern ein Tanz. Mitten im immer schneller werdenden Gleichschritt, mitten im Dröhnen der Soldatenstiefel, mitten im Rennen um den ersten Platz tanzen Menschen aus der Reihe, wiegen sich im Takt einer Melodie, die Gott ihnen ins Herz legt und tanzen zu Klängen, die von einer anderen Welt singen. 

Vase im Louvre: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theseus_pursuit_Louvre_G423.jpg


Das, was wirklich zählt, ist das, was mit unserem Leben passiert, wenn Christus uns die Hand auf die Schulter legt, uns in die Augen schaut und sagt: „Komm!“ 

Der zweite Grund, warum ich diesen Predigttext so heilsam in allen Nachrichten dieser Woche finde, ist, wie Paulus sich selbst in diesem Bild beschreibt. In der göttlichen Tanzschule ist selbst Paulus ein Anfänger, der vielleicht ein paar Grundschritte beherrscht, der den Rhythmus schon im Blut spürt, aber der noch nicht die Leichtigkeit besitzt, die zum Tanzen in Vollendung gehört. Paulus ist noch nicht fertig, seine Erkenntnis ist und bleibt Stückwerk. Diese Ehrlichkeit versöhnt, und diese Bescheidenheit wünsche ich mir in diesen Tagen. Auch, weil so eine Einsicht vielleicht die beste Medizin gegen Fundamentalismus jeglicher Art ist. 

Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. 

Religion und das, was Menschen aus ihr machen, ist in den letzten Jahren wie kaum jemals zuvor in die Schlagzeilen geraten. Vielleicht, weil aufgrund schlimmer Verbrechen in ihrem Namen deutlicher wird, dass Glauben keine Weltanschauung ist, sondern eine Beziehung, die das Leben verändert, und zwar nachhaltig und von Grund auf. Das fürchten wir, weil es Dinge in Frage stellt. Darauf hoffen wir, weil die Welt verloren wäre, wenn wir uns nicht verändern könnten. Natürlich kann man jeden Satz, den Paulus hier schreibt, ein wenig zuspitzen und aus dem Zusammenhang reißen und ihn dann in Bekennervideos der Terroristen wiedererkennen. Aber wenn wir aus diesem Grund über unseren Glauben schweigen, wenn wir öffentliche Plätze aus Angst vor Anschlägen meiden, dann haben die gewonnen, die Religion missbrauchen und Menschen töten. 

Die Fähigkeit, die eigene Vergangenheit, das eigene Leben, die eigene Religiosität kritisch zu betrachten, gehört nach Paulus zu einem erwachsenen Glauben dazu. Anlass dazu gibt unter anderem das Reformationsjubiläum, vor dem es seit gut zehn Jahren kaum ein Entrinnen gibt. Aber wir haben gelernt. Wir haben gelernt, dass das nicht einfach Lutherfestspiele sein können, dass wir auch und gerade bei den Gründervätern und –müttern unserer Konfession genau hingucken, alles prüfen müssen – und das Beste behalten. Luthers Judenschriften gehören zu dem, was die Erinnerung schwierig macht, und dass wir uns immer wieder damit auseinandersetzen, zeigt doch, wie sehr wir in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt haben. Gott sei Dank. Luthers Hetzschriften gegen Juden sind nicht evangelisch, sie sind falsch und böse und entstammen einer Biografie, in der es viel Licht, aber eben auch viel Schatten gab. Aber so ist das Leben. 

Zu dem Guten, was man von Luther lernen und behalten kann, gehört ein Zitat, das wie ein Kommentar zu unserem Predigttext klingt und das es mir leichter macht, morgens die Zeitung aufzuschlagen und mit dem Wechselspiel von Licht und Schatten in meiner eigenen Welt umzugehen: 

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. 

Amen. 

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Ein paar Anregungen stammen von Christian A. Eberhart, David E. Fredrickson und Rainer Stuhlmann.


Montag, 27. Juni 2016

Was ich auf Lektorenworkshops lerne

Ab und zu gebe ich Workshops für Lektorinnen und Lektoren, das sind im Rheinland die Menschen, die im Gottesdienst aus der Bibel vorlesen. Ende des Jahres soll im kleinen, aber feinen Lutherverlag ein hoffentlich ebenso kleines wie feines Büchlein zu diesem Thema erscheinen.
Manchmal kenne ich die Gemeinden zumindest aus der Ferne, weil ich von mir persönlich bekannten Kolleginnen und Kollegen angesprochen werde. Manchmal lerne ich neue Gemeinden kennen, und das dann ausnahmsweise nicht aus Pfarrers-, sondern aus Laienperspektive. Das ist noch einmal was anderes. Dadurch bekomme ich Einblicke in die liturgische Praxis, und das ist durchaus interessant. Die folgenden Beobachtungen sind zum Teil ein wenig zugespitzt formuliert, aber das soll nur der Verdeutlichung dienen.

1. Gottesdienst ist Pfarrerssache. Oder?



In vielen Gemeinden scheint es immer noch Usus, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin einen Großteil des Gottesdienstes bestreitet. Dagegen ist auf den ersten Blick wenig zu sagen, schließlich sind sie dafür ausgebildet und werden dafür bezahlt. Trotzdem ist das problematisch, es gibt ja immerhin so etwas wie das Priestertum aller Getauften. Es wird auch in Einzelfällen störend sein, wenn zum Beispiel der Lektor oder die Lektorin nach der Lesung nicht zum Halleluja der Gemeinde oder zum Glaubensbekenntnis überleitet, sondern der Pfarrer oder die Pfarrerin das tut - das führt nämlich zu unnötiger Hektik, weil an einer atmosphärisch dichten Stelle das Geschehen für einen Orts- und Personenwechsel unterbrochen wird. Auch andere Elemente werden von Pfarrern übernommen, die sie gar nicht machen müssen, zum Beispiel die Begrüßung zu Beginn des Gottesdienstes, die Ansage der Kollekten und anderes. Ich rate den Workshopteilnehmenden, bei allem, was ihnen unklar oder falsch erscheint, erst einmal nachzufragen: Warum ist das so? Woher kommt das? (Hier kommt bei mir der Kirchengeschichtler durch.) Vielleicht gab es einmal eine Phase, in der es nur Lektorinnen und Lektoren gab, die das partout nicht wollten oder nicht konnten. Aber vielleicht hat sich das mittlerweile geändert, und die Kollegin oder der Kollege hat das nur noch nicht mitbekommen? 
Am Rande: Laut der geltenden Agende wird der Gottesdienst unter "Beteiligung und Verantwortung der ganzen Gemeinde" gefeiert. Dass Menschen dadurch verantwortlich beteiligt werden, dass sie auf ein unsichtbares Signal hin einen Liedruf singen, der ihnen in Text- und Notenbild nicht vorliegt, ist Quatsch

2. Die Rolle der Bibel ist unklar.



Nicht viele, die an den Workshops teilnehmen, lesen aus der Bibel vor, die meisten drucken sich den Text der Augenfreundlichkeit wegen aus. Ich rate dann, den Text passgenau zuzuschneiden und zumindest in eine Bibel hineinzulegen - es macht einfach einen haptischen, optischen und symbolischen Unterschied, ob ich aus einem Buch vorlese oder einer Mappe, schlimmstenfalls von einem bloßen Blatt. Dass es sich dabei um eine Bibellesung handelt, ist für die Zuschauenden kaum nachvollziehbar. Ich frage dann nach der Funktion der Altar- oder Kirchenbibel. Die liegt meistens dekorativ irgendwo herum, für die Lesung ist sie nicht geeignet, weil sie ein in Würde gealtertes Exemplar der Lutherbibel von 1912 oder einfach zu schwer und wuchtig ist, um sie zu benutzen. Man kann die herumliegende Altarbibel symbolisch aufladen und sie als Zeichen für das sich ereignende Gotteswort deuten. Man kann aber auch fragen, welche Rolle die Bibel im Leben der Gemeinde spielt, sowohl im Gottesdienst, als auch im sonstigen Gemeindeleben - zum Beispiel dann, wenn Menschen, die den Lektorendienst und damit ein sehr altes und ehrwürdiges, durch und durch geistliches Amt der Kirche übernehmen, mitunter keine Bibel zuhause haben, aus der sie im Gottesdienst vorlesen könnten.



3. Die Lutherbibel ist ebenso über- wie unterschätzt.



Die Lutherbibel gilt vielerorts als die unangefochtene Königin der Bibelübersetzungen. Ihren historischen Wert kann man kaum bestreiten, nur werden diese historischen Aspekte zu vorschnell und zu unbedacht ins Spiel gebracht, wenn es darum geht, ihren Gebrauch im Gottesdienst Anfang des 21. Jahrhunderts zu begründen: Ja, die Lutherbibel war besonders, weil sie auf den hebräischen und griechischen Text zurückgriff. Ja, sie hatte eine Breitenwirkung, weil die Wettiner Kanzleisprache für viele damalige Menschen verständlich war. Ja, Luther war ein sprachgewaltiger und hellhöriger Menschenkenner und Wortkünstler. Nur: Das alles reicht nicht aus, um ihren gegenwärtigen und oft alternativlosen Gebrauch zu begründen. Es stimmt zwar, dass viele Wendungen geläufig und vertraut sind, nur: Diejenigen, die Bachkantaten rezitieren können und im Konfirmandenunterricht ganze Psalmen und Bibelstellen auswendig gelernt haben, sterben zumindest in der Breite aus. Wer entsprechend sozialisiert ist, wird in manchen wortgewaltigen Passagen eine Beheimatung erleben - wer das nicht ist, hört sie im besten Fall nur als heiliges Rauschen ohne konkreten Inhalt, das allenfalls ein wohliges Gefühl des bedeutungsvollen Nichtverstehens heraufbeschwört, das viele Menschen mit "Kirche", "Gottesdienst" oder "Religion" verbinden.

Unterschätzt wird die Komplexität der Sprache, die Schwierigkeit von Formulierungen, die in der Alltagssprache, an deren Prosodie sich das Vorlesen zu orientieren hat, ausgestorben und von allzu behutsamen Revisionen unangetastet geblieben sind: Sinn- und zwecklose Inversionen ("Und Gott sah an alles..."), gnadenlos verschachtelte Nebensätze, die ständige Verwendung von "sprach" statt "sagte", die zwanghafte und nervtötende Wiedergabe des füllwörtlichen "de" durch das ungleich kräftigere "aber" (das im Deutschen eben kein Füllwort mehr ist), das ewige und in der Umgangssprache nur noch ironisch verwendete "siehe (da)" und so weiter. Hier geht es nur um formale Kleinigkeiten, nicht um gewichtige Probleme wie den zweifelhaften Gebrauch von unglücklich aufgeladenen Begriffen wie "Seele", aber in der Masse reichen sie aus, um die Distanz zum Text unendlich groß werden zu lassen, das Reden über den Glauben aus dem Alltag zu holen - und vor allem das sinnvolle Vorlesen einzelner Passagen zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe zu machen. 

Nach allem, was bisher von der 2017er Revision zu lesen war, löst auch sie diese Probleme nicht, stellenweise verschärft sie sie sogar. Ein Problem ist auch der Mangel an Alternativen, sieht man einmal von der Zürcher Bibel ab, die recht nah am Luthertext ist (so nah, dass viele Leute jenseits von Psalm 23 gar keinen Unterschied bemerken), aber nicht nur genauer, sondern auch verständlicher formuliert.

4. Die BasisBibel muss endlich fertig werden.  



Als gangbare, da einzige Alternative galt bislang die Gute Nachricht Bibel, die den im Untertitel verewigten Anspruch, "in heutigem Deutsch" verfasst zu sein, seit zwanzig Jahren nicht mehr einlöst. Natürlich muss man Bibeltexte nicht jeder sprachlichen Modewelle anpassen, man darf es vielleicht auch gar nicht, aber das Problem liegt nicht in der kommunikativen Ausrichtung der Übertragung, sondern in ihrer stellenweise unerträglichen Verquastheit - wer sich Gen 12,1-4a einmal in der Guten Nachricht durchliest, wird merken, was gemeint ist: Die Passage ist fast doppelt so lang wie in der Lutherbibel, der Versuch, "segnen" durch "Gutes wünschen" und Ähnliches zu verdeutschen, ist unsinnig: Dann würde es am Ende des Gottesdienstes auch reichen, der Gemeinde einen schönen Tag zu wünschen, statt sie zu segnen.
Alternativen gab es bislang nicht, wenn man von Randexistenzen wie Hoffnung für Alle und Neues Leben absieht, die stellenweise noch problematischer sind. Mittlerweile gibt es die hipsterdesignte Neue Genfer Übersetzung und die BasisBibel, die sich langsam und verdienter Weise als echte Alternative durchzusetzen scheint. Dummerweise fehlt hier noch das Alte Testament, weswegen man sie kaum an Konfirmand_innen verschenken kann. Es wird dringend Zeit, dass die ganze BasisBibel vorgelegt und die Gute Nachricht in Rente geschickt wird.

5. Lektor_innen erhalten kaum strukturierte, verlässliche Unterstützung.



Keine_r "meiner" bisherigen Workshopteilnehmenden (und das dürften mittlerweile eine ganze Menge sein) hat in seiner oder ihrer Gemeinde einen Lektorenkreis, in dem regelmäßig praktische oder theoretische Aspekte rund um den Gottesdienst erörtert, Fragen gestellt und Dinge ausprobiert werden können. Wenn sie Glück haben, werden vereinzelt Fortbildungen angeboten, allerdings nicht regelmäßig und vor allem nicht verpflichtend - was dazu führt, dass an solchen Fortbildungen in erster Linie die Leute teilnehmen, die es vielleicht gar nicht so nötig hätten. Die pragmatische Seite dieser Problematik ist mangelnde liturgische, d. h. in erster Linie handwerkliche Sicherheit: Lektor_innen übernehmen Unsauberkeiten im gottesdienstlichen Vollzug von den Pfarrerinnen und Pfarrern (Spitzenreiter: Nach vorne laufen, bevor die Gemeinde zu Ende gesungen hat), weil es keine geregelte Gelegenheit gibt, einmal nachzufragen - das liturgische Lernen der Lektoren ist so viel zu sehr vom persönlichen Kontakt zur Pfarrperson abhängig.
Der regelmäßige Austausch im Lektorenkreis ist eine Möglichkeit theologischer Weiterbildung und damit bedeutsam für den Gemeindeaufbau - außerdem schaffen sich Pfarrerinnen und Pfarrer so die Möglichkeit des Feedbacks durch aufgeklärte und dadurch kritische Gemeindeglieder. Aber vielleicht ist das gar nicht gewollt?
Schwerer als die pragmatischen Aspekte wiegt die andere Seite dieser fehlenden Unterstützung für Lektoren:



6. Der Lektorendienst wird nicht als geistliches Amt ernstgenommen.

Der Lektorendienst gehört zu den ältesten liturgischen Ämtern der Kirche und wird u. a. in der Didache, im zweiten Klemensbrief und den Ignatianen erwähnt - das heißt, schon bevor der Kanon in seiner Endgestalt feststand. Wenn wir uns brüsten, "Kirche des Wortes" zu sein, unser Leben und Lehren an der Schrift zu messen und aus dem Wort heraus zu leben, macht das den öffentlichen Umgang mit ihr automatisch zu einem geistlichen Amt.

Viele Workshopteilnehmende kommen aus einer Praxis, die man "Ablesen" nennen könnte. Wenn sie dann lernen, dass "Vorlesen" unglaublich viel mit Interpretation und Auslegung zu tun hat (schon die Frage, welches Wort betont werden soll, könnte bei manchen Versen seitenweise Kommentare füllen), sind sie zunächst erschrocken, oft aber gegen Ende des Nachmittags angefixt, weil sie etwas von der Lebendigkeit der Schrift zu spüren bekommen - und von ihrer eigenen Kompetenz in Sachen Auslegung, auch ohne Theologiestudium. 

Die geistliche Dimension des Lektorendienstes wird schon dadurch verdunkelt, dass Lektorinnen und Lektoren kaum irgendwo offiziell "eingesetzt" werden. Zwar ist es zugegebenermaßen eine recht junge liturgiegeschichtliche Entwicklung, auch Ehrenamlter einzusegnen, aber warum diese Entwicklung kaum bis gar nicht diejenigen umgreift, die an der öffentlichen Wortverkündigung mitwirken, bleibt rätselhaft - auch und gerade sie brauchen doch Segen, Gebet und Begleitung.  
Eine ungeistliche Amtsführung wird auch dort forciert, wo Lektorinnen und Lektoren nicht aufgrund ihrer Eignung, Begabung oder Freude am Lesen eingesetzt werden, sondern die Lesung mehr oder weniger subtiles Mittel ist, Presbyter_innen zum Gottesdienstbesuch zu verpflichten. "Weil die sonst nicht kommen", heißt es dann manchmal. Das aber ist mindestens ein strukturelles Problem, das auf konzeptioneller Ebene zu lösen und nicht auf Kosten der Lesung auszutragen ist.


7. Die Rolle des Gottesdienstes in der Gemeinde ist unklar.


 "Der Gottesdienst ist die Mitte der Gemeinde", "Im Gottesdienst kommen die Menschen der Gemeinde zusammen". In unendlichen Variationen wird das immer und immer wieder beteuert, und es mag theologisch noch so wahr sein, empirisch ist es falsch. Und dadurch wird auch die Theologie wieder schief. Wenn ich meine eigene Berufspraxis kritisch hinterfrage, dann steht der Gottesdienst nicht im Zentrum. Ich hätte gern, dass das so wäre, und vielleicht wäre das anders, wenn ich als lutherischer Hochkirchler den halben Tag mit Stundengebeten zubringen würde, aber auch dann müsste ich ja noch Statistikbögen ausfüllen und all die anderen Dinge tun, denen man selbst bei bodenständigster Pastoraltheologie keine geistliche Dimension abringen kann. 

Dass der Gottesdienst nicht die Rolle spielt, die wir gerne hätten, wird schon daran deutlich, dass manche Lektorinnen und Lektoren ihren Lesungstext am späten Samstagnachmittag oder sogar erst am Sonntagmorgen bekommen. Damit ist recht deutlich gesagt, was man von diesem Dienst hält. Ich rate dann, sich einfach mal zu weigern - wohl wissend, dass auch meine Lektorinnen und Lektoren von diesem Recht Gebrauch machen könnten und sollten. Nicht jeden Sonntag, aber allzu oft.

Man muss nicht auf die Besucherzahlen gucken, um eine "Krise des Gottesdienstes" heraufzubeschwören. Natürlich ist die da, egal, mit wie viel Nachdruck wir unsere Statistik durch das Hinzuzählen von gottesdienstlichen Großevents mit oft zweifelhaftem inhaltlichen Anspruch schönrechnen, wie sehr wir auf den demografischen Wandel schimpfen und darauf hinweisen, dass ja schon Luther fand, dass zu wenige Leute in den Gottesdienst gehen. Es reicht, einmal darauf zu gucken, wie viel Sorgfalt wir auf die Vorbereitung und Zurüstung derer verwenden, die im Gottesdienst beteiligt sind.

Sonntag, 26. Juni 2016

Wenn Jungs "anders" sind - Josef und Billy Elliot



Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Oder an den Hausarzt.
Eltern, die sich Sorgen machen um ihr Kind, Angst haben vor dieser Welt und den Wunden, die sie für die bereithält, die anders sind.
Eltern, die wütend sind, weil ihr Junge andere Wege geht, Wege, die sie nicht verstehen, nicht kennen, nicht gut finden. 

Durham, englischer Nordosten, 1984. Weit weg von Kathedrale und Universität liegen die engen Bergarbeitersiedlungen, winzige Einfamilienhäuser, 70 m² auf drei Etagen, eng an eng gepresst, roter Backstein, dazwischen Beton, Klo in einem kleinen Verschlag auf dem Hinterhof. Das Straßenbild ist wie das Klima ist wie der Dialekt, rau und unverputzt. Ein spindeldürrer Junge, neun, vielleicht zehn, turnt durch eine winzige, bis unters Dach verdreckte Küche. Man sieht, dass hier nur Männer wohnen, oder fast. In einer Ecke stehen selbstgemalte Streikschilder: Thatcher Raus, Nicht aufgeben! Der Junge, Billy Elliot, hievt einen Topf mit Eiern vom Gasherd, fängt verkohlte Toastbrotscheiben aus der Luft, balanciert alles auf einem Tablett, schiebt mit dem Kopf die Tür zu einer winzigen Kammer auf, entdeckt das leere, zerwühlte Bett, flucht laut auf, lässt das Tablett fallen. Krachend fällt die Tür ins Schloss. Er rennt durch die engen Straßen, im Zickzack zwischen Gartenzäunen und Briefkästen, unter Wäscheleinen her, um eine Ecke und hinaus auf eine überwucherte Wiese am Fluss. Dort steht eine ältere Dame im Nachthemd, sieht sich verwirrt um. Komm, Oma, sagt Billy Elliot, nimmt sie behutsam in den Arm und führt sie nach Hause. „Ich wollte Ballettänzerin werden“, erklärt sie aufgekratzt. „Jaja, Oma, wir gehen nach Hause“, sagt er. Im Hintergrund kommen auf einer Brücke mit quietschenden Reifen mehrere Mannschaftswagen zum Stehen, Polizisten in Krawalluniform und mit Schutzschilden steigen aus und marschieren zum Bergwerk, wo seit einem Jahr die Bergarbeiter streiken. Wut liegt in der Luft, in erster Reihe stehen Billy Elliots Vater und sein älterer Bruder. 

Die Mutter ist gestorben und nicht mehr da. Die Großmutter dement und auch nicht mehr wirklich da. Die Frauen fehlen. Ähnlich wie bei Josef und seinen Brüdern, im Hause Jakobs. Es gibt natürlich Frauen, sogar mehrere, und das ist Teil des Problems, aber sie bleiben merkwürdig unsichtbar in der ganzen Geschichte. Und auch Josefs Mutter ist gestorben. Wut liegt in der Luft, es zündelt und knistert zwischen den Brüdern. Sowieso, weil es Haupt- und Nebenfrauen gibt, und damit auch Söhne, die dem alten Vater Jakob mehr am Herzen liegen als andere. Martin Luther sagt dazu, man solle nicht meinen, dass die alten Heiligen aus Holz oder Stein, also gefühl- und affektlos gewesen seien. Die Familie von Jakob, Lea, Rahel, Bilha und ihren Kindern Dina und den Brüdern, ist zerstritten, und wie in vielen dysfunktionalen Familien ist auch hier nicht klar, wer hier Opfer, Täter, wer Schuld und wer verletzt ist. Wahrscheinlich alle. 

Josef ist in der Brüderhierarchie als einer der jüngsten ganz weit unten, aber trotzdem Vaters Liebling. Und eine Petze, er erzählt seinem Vater brühwarm, was seine anderen Söhne über ihn reden. Jakob aber hatte Josef lieber als seine anderen Söhne, und er schenkte Josef einen bunten Rock.

Um Billy Elliots Hals baumeln braune, zerschlissene Handschuhe. Er hat sie in von seinem Vater geschenkt bekommen, und der wiederum von seinem Vater. „Trage sie mit Stolz, Sohnemann“, hat der Vater gesagt. Man redet nicht viel in der Familie Elliot, Konflikte werden bearbeitet, in dem man Türen knallt oder die Faust sprechen lässt. Missmutig trottet Billy Elliot zur Sporthalle, lässt sich in der ersten Runde niederschlagen. Trag die Handschuhe mit Stolz, brüllt der Vater, der das Training beobachtet hat, bevor er wütend rausstürmt und die Tür hinter sich zuknallt. Nach dem Boxtraining wird ein Klavier in die Halle gerollt, die kettenrauchende Miss Wilkinson hält ihre Ballettstunde. Fasziniert schaut Billy, zuerst wegen der kleinen Nachbarstochter, aber dann ist er mehr und mehr gebannt von den fließenden Bewegungen der Ballettschülerinnen. „In die Reihe mit dir“, schnauzt die Ballettlehrerin und zieht ihn an die Stange. Erst stakst Billy etwas ungelenk umher, dann beginnt er, sich in den Bewegungen zuhause zu fühlen, zieht seine Boxstiefel aus und die Ballettschuhe an, hängt die Boxhandschuhe an den Nagel und spürt zum ersten Mal: Wenn ich tanze, dann ist es so, als ob ich mich in mir selbst verliere, wie Elektrizität. Auf dem Nachhauseweg springt, tanzt, schwebt Billy Elliot über Beton und durch den Hof mit dem Klo im Bretterverschlag. Demi plié, glissade, arabesque. Und Billy Elliot verliert sich in sich selbst und träumt vom Tanzen.



Josef träumt auch, von Brüdern, die sich vor ihm verneigen, und ist so undiplomatisch, das auch noch zu erzählen. Und dann ist da dieses Kleidungsstück, das er von seinem Vater bekommen hat. Wir wissen nicht genau, was das für ein Rock war. Ein bunter Rock vielleicht, oder einer mit langen Ärmeln, auf jeden Fall ein wertvolles Kleidungsstück, das nicht für die Feldarbeit geeignet ist. Was wenige Ausleger sehen: Das Wort, das hier benutzt wird, kommt auch an einer anderen Stelle vor, und da meint es ein Prinzessinnenkleid. 

Josef ist anders. Anders als seine Brüder, als Ruben, der Erste und Stärkste, der wie Wasser aufwallt, und anders als die anderen: Simon und Levi tragen mörderische Waffen, sind voll Zorn und Grimm, Juda ist ein Löwe, Dan eine Schlange, Benjamin ein reißender Wolf. Und Josef träumt und trägt ein Prinzessinnenkleid. Jetzt kommt, sagen seine Brüder, wir wollen ihn töten und ihn in eine der Zisternen werfen, und wir werden sagen: Ein wildes Tier hat ihn gefressen. Wir werden ja sehen, was aus seinen Träumen wird…

In der Küche der Familie Elliot, zwischen Stapeln von Geschirr und Streikschildern. Der Widerstand der Gewerkschaft bröckelt. Alles schreit, nur die Oma sitzt wie versteinert. Die Ballettlehrerin macht einen Hausbesuch und erzählt von ihren Plänen, Billy bei der Königlichen Ballettakademie anzumelden. Alle schreien, am lautesten sein älterer Bruder. Verdammt nochmal, brüllt er und seine Stimme überschlägt sich, dann tanz, tanz, verdammt nochmal, und er packt seinen kleinen Bruder und rammt ihn auf den Küchentisch. Komm, tanz für uns, höhnt er. Billy Elliot steht wie festgefroren da, und alle schreien. Bis die Ballettlehrerin aus der Küche stürmt, die Tür knallt. In der nächsten Szene sieht man Billy Elliot durch die engen Straßen tanzen. Demi plié, glissade, arabesque. 

Jungs, die anders sind, haben es nicht leicht. Die nicht, die weiblicher scheinen als andere, aber auch die nicht, die lauter, lebhafter und draufgängerischer sind als die, die man normal nennt. Den Einen sagt man: „Jungs spielen nicht mit Puppen.“ „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“, und man winkt ihnen auf dem Schulhof mit abgeknicktem Handgelenk zu. Die einen nennt man „Schwuchtel“, die anderen nennt man „schwierig“ oder „ADHSler“, gibt ihnen Ritalin und allgemein schlechte Chancen in einem Bildungssystem, das Stillsitzen und Bravsein mit besseren Noten und Schulempfehlungen belohnt als Raufen, Schreien und Fußballspielen. 



Die großen Männergestalten in der Bibel sind auch oft anders, anders als die Gesellschaft sie gern hätte. Da sind die Depressiven – Saul, Elias, Paulus. Da sind die Alten und Schwachen – Abraham, Simeon. Da sind die viel zu Schönen – wieder Saul – und die viel zu Hässlichen, so wie Paulus. Da sind Männer, die Männer lieben – David und Jonathan und ein geheimnisvoller Lieblingsjünger im Johannesevangelium. Und da sind die, die sogar von ihrer eigenen Familie für verrückt gehalten werden – wieder David, und Jesus selbst: Und Jesu Familie machte sich auf, um ihn zu holen, denn sie sagten: Er ist verrückt (Mk 3,21). Der Jesus, der im Lukasevangelium mal als Hirte, der seinen Schafen hinterhereilt, mal als Hausfrau, die ihren Silbergroschen sucht, beschrieben wird, und von dem Paulus später schreibt: In Christus ist weder Mann, noch Frau (Gal 3). 

Wer anders ist, hat in der Bibel gute Chancen. Entweder, weil Gott ein besonders großes Herz für die Unikate unter seinen Schöpfungen hat, oder weil das enge Verhältnis zum Ewigen, das Berührtsein von der anderen Seite Menschen verändert, spürbar anders werden lässt, sodass sie es schwer haben, ihren Platz in der Gesellschaft zu halten. Wer anders ist, hat gute Chancen – aber hat es nicht leicht in der Welt, die ganz eigene Wunden für die bereithält, die anders sind, Wunden, die in religiösen Kreisen oft tiefer geschlagen werden und schwerer verheilen als anderswo… Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre. Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.
 
Was heißt das für uns als Gemeinde? Wie viel Platz räumen wir denjenigen ein, die „anders“ sind, die an der Norm scheitern oder sich selbstbewusst darüber hinwegsetzen? Wie sehr gestehen wir uns selbst unser Anderssein ein, unsere Abweichungen, unsere Spleens, unsere Träume vom Tanzen? 

Josef gelangt auf Umwegen nach Ägypten. Dort macht er Karriere, aber der Weg nach oben ist mit Rückschlägen, Verrat, Sex- und Machtmissbrauch und Intrigen gepflastert. Unter seiner Verwaltung wird Ägypten reich, seine Träume erweisen sich als zuverlässige Wirtschaftsprognosen und ermöglichen es, rechtzeitig Vorräte anzusammeln. Eine Hungersnot zieht über die Welt, und vierzehn Jahre nach dem Mordversuch an Josef werden seine Brüder zu Flüchtlingen und ziehen nach Ägypten und begegnen ihm dort wieder, sind verunsichert, ängstlich und haben Angst vor seiner Rache, als sie ihn erkennen. Und Josef weint und sagt: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, Gott aber gedachte es gut zu machen.“

Billy Elliot wird in London an der Ballettakademie angenommen. Vierzehn Jahre später betreten sein Vater und sein Bruder einen großen Konzertsaal, sichtlich verunsichert in der fremden Umgebung, falsch angezogen, ungewohnt. Hinter den Kulissen bereiten sich die Tänzer für den Auftritt vor. Billy Elliot ist erwachsen, athletisch, trägt weißgefiederte Hosen, ist am ganzen Körper weiß geschminkt mit einem schwarzen Streifen auf Scheitel, Stirn und Nase. Das Orchester spielt, die Töne schwellen an zu Tschaikowskis Schwanensee. Für einen Moment stockt die Musik, der Vater im Publikum hält den Atem an, zuckt zusammen: Das Orchester spielt bombastische Klänge, Streicher und Bläser in H-Moll, und Billy Elliot betritt die Bühne und tanzt, springt, schwebt, fliegt, als hätte die Schwerkraft ihn freigegeben. Und sein Vater bricht in Tränen aus. 

Und Jakob lag auf dem Sterbebett und segnete seine Söhne und sprach: Josef wird wachsen, er wird wachsen wie ein Baum an der Quelle, dass die Zweige emporsteigen über die Mauer. Von deines Vaters Gott werde dir geholfen, und von dem Allmächtigen seist du gesegnet mit Segen oben vom Himmel herab, mit Segen von der Flut, die drunten liegt, mit Segen der Brüste und des Mutterleibes. Mögen die Segnungen der ewigen Berge, die köstlichen Güter der ewigen Hügel auf das Haupt Josefs und den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern kommen. 



Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Vor einigen Tagen gingen die Worte einer Mutter über das Internet durch die Welt. Sie schrieb:

„Mein sechsjähriger Sohn trägt gern Nagellack. Er zieht gern Mädchenkleidung an und Tutus. Vielleicht ist das eine Phase, vielleicht auch nicht. Ich liebe ihn und akzeptiere ihn, wie er ist. Ich habe immer gedacht, dass ihn das schützt vor den Schmerzen böser Worte und vor Schulschlägern, und ich habe mir nie Sorgen gemacht.
Vor ein paar Tagen kam er nach Hause und erzählte von Kindern in der Schule, die ihn ärgern wegen seines Nagellacks, und zum ersten Mal in seinem Leben war ich nahe dran, ihn zu überreden, es sein zu lassen, diesen Teil von sich zu verstecken. Weil ich zum ersten Mal Angst hatte, er würde eines Abends niedergeschossen, wenn er mit Freunden unterwegs ist. Ich hatte solche Angst, dass ich dachte, es wäre besser, wenn ich aufhören würde, ihn in seinem Anderssein zu bestärken. Und dann dachte ich an all die Gründe, warum ich ihn so sein lasse, wie er ist. […]
Ich will, dass diese Welt sich ändert. Dass sie besser wird für ihn, ihn verdient. Weil er ein wunderbarer, großartiger Mensch ist. […] Er hat ein Leuchten in sich, das niemand auslöschen kann, so sehr das auch schon manche Menschen versucht haben. […] Gestern haben wir neuen Nagellack gekauft und Tutus getragen. Hier ist er, Welt. Sieh meinen Sohn als den wunderbaren Menschen, der er ist. Zeig ihm Liebe. Zeig ihm Respekt. Helft uns, die Welt so zu machen, dass sie ihn verdient.“

Wenn Jungs anders sind.
Das ist so ein Thema, mit dem manche Eltern sich an ihren Pfarrer wenden.
Eltern, die sich Sorgen machen um ihr Kind, Angst haben vor dieser Welt und den Wunden, die sie für die bereithält, die anders sind.
Eltern, die wütend sind, weil ihr Junge andere Wege geht, Wege, die sie nicht verstehen.
Und ich sage: Segnet Eure Kinder. Sagt ihnen:
Geh, geh hinaus in die Welt, dorthin, wo Er dich führt. Und ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen, und du sollst ein Segen sein.
Amen.

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Die Grundidee für die Predigt verdanke ich Kerstin Söderblom und ihrem Artikel auf evangelisch.de - danke dafür!