Montag, 12. September 2016

Gnadensprüche und Kintsugi - Liturgiedidaktik in der Konfirmandenarbeit



#gottmachtganz
#risseundgoldstaub
#säenwachsenernten


Teile einer Hinführung zum Gottesdienst

für Konfirmand_innen



Gottes Dienst erfahren

Es gibt viele gute Konzepte, unter Zuhilfenahme ganzheitlicher und vor allem kirchenpädagogischer Methodik den Gottesdienst für Jugendliche erlebbar und buchstäblich begehbar zu machen. Diese Ansätze erscheinen besonders eindrücklich, wo eine alte Kirche und eine traditionell lutherische Liturgie den „Weg im Geheimnis“[1] vor- und nachzeichnen. Unsere Rahmenbedingungen sind andere: Weder unser moderner und recht kleiner Kirchraum, noch der uniert-reformierte Ablauf unseres Gottesdienstes geben in dieser Hinsicht viel her. Deswegen arbeiten wir stärker isoliert an Bestandteilen des Gottesdienstes, die an die großen Themen des KU und des Glaubens rückkoppelbar sind. Wir gehen auch davon aus, dass die klassische liturgische Dramaturgie zwar in sich weitgehend stimmig und von einem Gewöhnungseffekt[2] getragen ist, die Formen in traditioneller Sprache und der Straßburger Melodien aber alles andere als alternativlos sind.[3] Der im Lauf der Einheit vorbereitete Vorstellungsgottesdienst soll deutlich machen, dass wir liturgisches Lernen als einen Prozess in beide Richtungen verstehen.


#kintsugi #wabisabi

Kintsugi (金継ぎ, wörtlich „Goldflicken“) bezeichnet eine japanische Kultur- und Handwerkstechnik, bei der zerbrochenes Porzellan oder Keramik geklebt wird. Anders als in westlicher Restaurationspraxis, die großen Wert darauf legt, Bruchstellen möglichst unsichtbar werden und Repariertes makellos und unversehrt erscheinen zu lassen, wird beim Kintsugi der Leim mit Goldpulver gemischt und schadhafte Stellen so auf kunstvolle und überaus sichtbare Weise ausgebessert.[4] Kintsugi ist eine Realisierungsform des ästhetischen Konzepts Wabi-Sabi (侘寂), bei dem es, grob gesagt, um die Schönheit im Versehrten, Unvollendeten und Imperfekten geht, ein Grundsatz, der auch in der Zen-Philosophie eine Rolle spielt.[5]


Verlorenes zurückbringen, Verwundetes verbinden

„Ja“, sagte Dumbledore,
„diese Narbe wird ihm für immer bleiben. […]
Narben können recht nützlich sein.
Ich selbst habe eine oberhalb des linken Knies,
und die ist ein tadelloser Plan der Londoner U-Bahn.“[6]


Die Praxis des Kintsugi verbinden wir mit dem Eingangsteil des Gottesdienstes, genauer gesagt der Dramaturgie von Offener Schuld und Gnadenzusage, in der Gottes Versöhnungshandeln in Christus sprachlich realisiert wird. „Der Themenkomplex ‚Schuld und Vergebung‘ ist für Jugendliche besonders wichtig.“[7] Die Jugendlichen haben Erfahrungen mit Zerbrochenem, sie sind verletzt worden und haben andere verletzt. Auch nach zwölf Jahren hat das Leben Spuren hinterlassen, die sich nicht verwischen oder verstecken lassen, mit denen es leben zu lernen gilt. Die Sichtbarkeit der Risse bewahrt dabei vor einer ebenso populären wie unbiblischen Verkürzung der Rechtfertigungslehre zu einem „Gott findet schon alles irgendwie okay“[8], die Ambivalenz der Schönheit des Unvollkommenen führt in ein Zentrum (nicht nur) paulinischer theologischer Anthropologie[9] - und öffnet den Blick für Ambiguitätstoleranz als Kulturfähigkeit und spirituelle Praxis. Die langwierige Prozesshaftigkeit der Aneignung dieser affektiven Lerndimension lässt das Thema als für das Einstiegsseminar zu Beginn der Konfirmandenzeit geeignet erscheinen – als cantus firmus soll es sich durch die gesamte gemeinsame Zeit ziehen und im Schein wechselnder Bilder und Geschichten immer wieder aufblitzen. Die Vorläufigkeit und Prozesshaftigkeit wird auch im zweiten Teil der Einheit, die sich dem gottesdienstlichen Schritt Verkündigung und Bekenntnis zuwendet, eine Rolle spielen.


Material und Vorbereitung

Für den ersten Schritt nehmen wir kleine Blumentöpfe aus Ton[10] (Öffnungsdurchmesser ca. 10 cm). Anstelle des mit echtem Goldstaub versetzten Urushi-Lacks haben wir Holzleim mit Goldpulver aus Lebensmittelfarbe im Volumenverhältnis <2:1 vermischt; das Pulver ist in speziellen Backzubehörläden, in manchen sehr gut sortierten Lebensmittelgeschäften und über das Internet erhältlich und weitaus feiner als Glitzerpartikel aus dem Bastelladen, außerdem gesundheitlich unbedenklich. Aus Zeitgründen wird die Masse von den Teamern angemischt, dabei wurde darauf geachtet, dass auf der gesamten Arbeitsfläche ein wenig Goldpulver verteilt wurde (das wird später noch aufgegriffen). Der Leim trocknet schnell, sodass man bereits nach einer Viertelstunde bei entsprechender Sorgfalt mit den Töpfen weiterarbeiten kann. Der Goldleim lässt sich gut mit einem kleinen Borstenpinsel auftragen; da das Hinausquellen des Leims über die Bruchkanten gewollt ist, ist kein besonders filigranes Arbeiten notwendig. Außerdem braucht man schwarze Faserstifte (nicht wasser- oder dokumentenecht) und Goldstifte, zudem Blätter, auf denen biblische Gnadensprüche aufgedruckt sind.[11]


Durchführung_ Scherben fabrizieren

Die Konfirmand_innen hocken sich draußen in einen Kreis.[12] Sie erhalten jeweils einen Blumentopf und die Aufforderung, ihn zu zerbrechen:

„Ihr alle habt wahrscheinlich schon einmal etwas geschenkt bekommen, das euch kaputt gegangen ist. Diesen Blumentopf dürft Ihr kaputt machen, ihr könnt ihn fallen lassen oder mit einem Hammer zerschlagen. Vielleicht fallen euch dabei Sachen ein, die euch kaputt gegangen sind, die ihr selbst oder die andere kaputt gemacht haben. Das können Gegenstände sein, das können aber auch Dinge sein, die man nicht sieht. Manchmal schenkt man Vertrauen – und es wird missbraucht, teilt ein Geheimnis, und es wird weitererzählt. Freundschaften können zerbrechen, Selbstvertrauen auch. Was fällt Euch ein?“

Nachdem die Konfirmand_innen ihre Scherben eingesammelt haben, geht es zur ersten Arbeitsstation, an der schwarze Faserstifte bereit liegen. Auf größeren Scherben haben die Teamer_innen Beispielsätze formuliert, um den Blick möglichst schnell von einer gegenständlichen auf eine symbolisch-relationale Ebene zu lenken. Die Konfirmand_innen können auf der Innenseite der Scherben ihre Erfahrungen des Zerbrechens aufschreiben.

„Vielleicht denkt ihr jetzt gerade an Dinge, die euch zerbrochen sind oder die einen Knacks bekommen haben, an Erfahrungen, die ihr selbst gemacht habt. Wo habt ihr jemandem Unrecht getan, verletzt? Schreibt eure Erfahrungen auf die Innenseiten der Scherben. Ihr braucht das, was ihr schreibt, niemandem zu zeigen oder zu erzählen, es kann euer Geheimnis bleiben.“

Wir nehmen bewusst nicht-dokumentenechte Stifte, weil sich die Schrift nach einigem Gebrauch der Blumentöpfe auflöst (#prozesshaftigkeit) – wenn die Konfirmand_innen nach Wochen oder Monaten in das Innere des Blumentopfs sehen, ist sie verschwunden oder zumindest verblasst.

Die ehren- und hauptamtlich Leitenden machen das mit, einerseits als Solidarisierung und Ermutigung bei einem potenziell in die Tiefe gehenden Arbeitsschritt, andererseits um eine konzentrierte Atmosphäre zu schaffen und bei Störungen behutsam und unaufgeregt intervenieren zu können.

„Jetzt stehen wir hier mit unseren Scherben…“ Diese Feststellung ist Ausgangspunkt für ein kurzes Unterrichtsgespräch, das sich um Schuld und Vergebung dreht. Erfahrungsgemäß stellen die Konfirmand_innen selbst recht schnell die Frage nach der Herkunft der Vergebung und kommen von selbst auf den Moment des extra nos, der in der alltagssprachlichen Formulierung „sich entschuldigen“ verdunkelt wird.[13] Das kann quasi-liturgisch aufgenommen werden, indem am Ende des Unterrichtsgesprächs und vor der nun nötigen Pause „Meine engen Grenzen“ (EG.RWL 600) gesungen wird.
Das handgreifliche Umgehen mit Zerbrochenem entwickelt erfahrungsgemäß eine interessante Dynamik: Die Konfis versuchen, ihre Tontöpfe selbst wieder zusammenzusetzen. Analog zur Thematik des extra nos stellt sich materialiter die Frage nach dem Kitt, der Zerbrochenes zusammenfügen kann.


Durchführung_ Kintsugi


Die Konfirmand_innen werden in eine andere Ecke des Raumes geführt, in der von der Decke Papiere mit biblischen Gnadensprüchen hängen. In einem kleinen Galerierundgang werden diese wahrgenommen, dann kann in einem kurzen Plenumsgespräch die Wirkung dieser Worte besprochen werden, bevor die Konfirmand_innen sich je einen Spruch, der sie besonders angesprochen hat, nehmen.

„Ihr habt jetzt viele Sätze gelesen. Was für Bilder hattet ihr dabei im Kopf? Wie habt ihr euch beim Lesen gefühlt? Sucht euch jetzt einen, der euch besonders angesprochen hat, und nehmt ihn mit.“

In der Bastelecke stehen Gefäße mit Goldleim, Pinsel und goldene Eddings bereit. Wenn die Konfis wieder am Platz sind, wird ihnen das Prinzip von Kintsugi und Wabi-Sabi kurz und ohne Nennung der Fremdworte erläutert – der ästhetische Grundsatz von der Schönheit des Versehrten und mit Spuren Gezeichneten ist für Konfis unmittelbar andockfähig. Das anschließende Zusammensetzen der Tontöpfe dauert je nach Scherbenzahl, Konzentration und handwerklichem Geschick unterschiedlich lange, daher bietet es sich an, ein Alternativprogramm für die Schnellen bereit zu halten, die den Topf auch schon mit „ihrem“ Gnadenspruch verziert haben. Eine Stunde reicht für diesen Arbeitsschritt jedoch aus. Auf eine Bündelung an dieser Stelle haben wir verzichtet, eine solche erfolgt tags darauf im Vollzug des Gottesdienstes.

Am Ende stehen eine Reihe von Tontöpfen vor den Konfis, mit vergoldeten Rissen und Verzierungen – und weitaus schöner und interessanter als vorher. Die Konfis tragen die Spuren des Reparaturprozesses an den Händen – der Goldstaub, der an den Fingern klebt und überall hängen bleibt, bildet den Ausgangspunkt für einen kleinen geistlichen Impuls rechtzeitig zum Mitttagessen (auf gut kirchlich gesagt: „Aus der Vergebung heraus“, umrahmt durch das Lied „Wie ein Fest nach langer Trauer“).


Das glanzvoll Reparierte füllen

In der Dramaturgie des Gottesdienstes folgt auf den Eingangsteil der Block Verkündigung und Bekenntnis. Auch von den Arbeitsschritten des Tages her bietet sich buchstäblich ein Input an, die reparierten und verschönerten Töpfe warten darauf, gefüllt zu werden. Für den nächsten Schritt braucht es an Material (aus lebensmittelchemischer Sicht unbedenkliche) Pflanzerde, gemischte Samen, Wasser, Bibeln und Schreibzeug.  

In einem ersten Schritt füllen wir die Töpfe mit der Erde, im Plenumsgespräch wird die Frage gestellt, welchem gottesdienstlichen Teil dieser Schritt entsprechen könnte. Selbst bei wenig Gottesdiensterfahrung kommen die Konfis recht schnell auf besagten Verkündigungsteil. Gemeinsam lesen wir das Sämanngleichnis Mk 4,3-10 – die Versabgrenzung erscheint sinnvoll, weil in dieser Perikope sowohl das Hören als auch die Verstehensproblematik explizit thematisiert werden. Unmittelbar im Anschluss machen die Konfis zunächst das im Gleichnis Beschriebene nach und säen die Samen ein.



Die Konfis kommen von selbst darauf, dass die Bewässerung fehlt – das bietet den Anlass für den nächsten Arbeitsschritt. In zwei-drei Untergruppen setzen sich die Konfis kreativ mit diesem Text auseinander, in unserem Fall mit dem Arbeitsauftrag, eine kleine Predigt zu schreiben – dass Bildworte auslegungsbedürftig sind, leuchtet den Jugendlichen unmittelbar ein. Der Arbeitsauftrag kann je nach Stimmung und Zusammensetzung in der Gruppe variiert werden: Bei diskussionsfreudigen Kleingruppen kann eine gemeinsame Erarbeitung das Ziel eines Gruppengesprächs darstellen, bei eher stillen Teilnehmenden kann daraus auch eine Einzelaufgabe werden, möglicherweise mit beispielhaften Leitfragen/Schreibanregungen, die den Bereichen Bibliolog/kreatives Schreiben/Poetry-Slam-Workshop entstammen: „Du bist ein Samenkorn. Wo möchtest du landen, wo würdest du dich wohlfühlen – und warum?“ – „Übersetze das Gleichnis in eine Bilderwelt, die deinem Alltag eher entspricht.“ – „Welche Ratschläge würdest du dem Sämann geben?“
Die Themen und Textsorten, die hier zusammen kommen, sind äußerst vielfältig. Nach einer freiwilligen Ergebnispräsentation wird die Saat begossen, als Symbol für die Notwendigkeit der Auslegung von und des Austauschs über biblische Texte. Die Texte der Konfis bieten außerdem Anknüpfungspunkte für die Predigt im Vorstellungsgottesdienst.


Säen, wässern, wachsen lassen

Die #prozesshaftigkeit des Wachsens und Erntens entspricht wiederum einer subtextuellen Lerndimension der Einheit: Nicht alle Arbeitsergebnisse sind direkt sichtbar, manches braucht seine Zeit – und birgt Überraschungen: Um diesen Weg nicht übermäßig lang werden zu lassen, verwenden wir Kressesamen, denen jedoch andere oberflächig keimende Samen untergemischt sind. Bei entsprechender Geduld und Pflege können in dem einen oder anderen Topf auch plötzlich Rucola oder Tomaten wachsen.[14]


Transfer, Vollzug, whatever

Die Einheit, die beim „Starterwochenende“ mit dem neuen Konfijahrgang gehalten wurde, endet erst mit dem Gottesdienst am darauffolgenden Sonntag. Das Erarbeitet wird in den Gottesdienstablauf integriert, sodass sich die Dynamik von Heilen, Füllen, Wässern in der Dramaturgie von Eingangs- und Verkündigungsteil für die Konfis nachvollziehbar ereignen kann. Deswegen kommen auch die im Rahmen des Wochenendes gesungenen Lieder vor; die Predigt bietet die Möglichkeit, das Geschehen auch für diejenigen, die nicht dabei waren, zu deuten und zu bündeln.


Starter-Gottesdienst

Musikalisches Vorspiel

Begrüßung

Lied: „Und ein neuer Morgen“

Psalm- und Kyriegebet

Lied: „Meine engen Grenzen“
Auf dem Abendmahlstisch liegen Scherben eines größeren Blumentopfs. Die Gemeinde ist eingeladen, während des Liedes ihre eigenen Erfahrungen vom Zerbrechen dort festzuhalten. Der Blumentopf wurde hinterher von Interessierten beim Kirchenkaffee an einem Tisch zusammengesetzt, der Topf mit Erde befüllt, mit Kräutern bepflanzt und mit der ausdrücklichen Einladung, sich in den kommenden Wochen zu bedienen.

Gnadenspruch

Lied: „Mercy is falling“

Lesung: Mk 4,3-10

Credo

Lied: „Wie ein Fest nach langer Trauer“

Predigt

Lied: „Kleines Senfkorn Hoffnung“

Begrüßung/Einsegnung der neuen Konfirmand_innen

Fürbitten

Unser Vater

Segen

Lied: „Der Lärm verebbt“

Nachspiel



[1] Martin Nicol, Weg im Geheimnis. Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, Göttingen ³2011.
[2] Vgl. Okko Herlyn, Theologie der Gottesdienstgestaltung, Neukirchen-Vluyn 1988, 8f.
[3] http://kirchengeschichten.blogspot.de/2015/08/pladoyer-furs-handchenhalten-gegen.html
[4] https://sebastiants.wordpress.com/grosse-spiele/gold-wunden-4/gold-wunden-2/
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Wabi-Sabi
[6] JK Rowling, Harry Potter und der Stein der Weisen, dt. von Klaus Fritz, Hamburg 1998, 20f.
[7] Herbert Kolb, Neu starten. Die „Feier der Versöhnung“ in der Konfirmandenzeit, in: RPZ Heilbronn 09/09, http://www.rpz-heilsbronn.de/fileadmin/user_upload/daten/arbeitsbereiche/Konfirmandenarbeit/inhalte/Versoehnung_feiern.pdf.
[8] Vgl. die problematische Rede vom „lieben Gott“.
[9] Vgl. in Anlehnung an Paul Tillich Wilko Teifke, Offenbarung und Gericht: Fundamentaltheologie und Eschatologie bei Guardini, Rahner und Ratzinger, Göttingen 2012 (FSÖT 135), 261: „Vor dem Hintergrund der Spannung von Existenz und Essenz und der eschatologischen Spannung von schon jetzt und noch nicht und der Zweideutigkeit des Lebens […] ist es konsequent, den in Christus verwirklichten Begriff des Neuen Seins prozesshaft zu verstehen. […] Zum prozesshaften Charakter des Neuen Seins gehört dann auch, dass die Bewusstwerdung der aktuellen Situation deutlicher wird und dass das Neue Sein als Prozess zum Bewusstwerden der Zweideutigkeiten des Lebens führt.“ Vgl. a. Rainer Lachmann, Grundsymbole des christlichen Glaubens. Eine Annäherung, Göttingen 1992 (BThS 7), 102f.
[10] Das Material bietet Anknüpfungspunkte für biblische Assoziationen (vgl. Jer 18, Röm 9), die im vorliegenden Entwurf nicht weiter verfolgt werden, aber sicherlich weitere Denk- und Arbeitsfelder eröffnen.
[11] Eine Auswahl findet sich in der Reformierten Liturgie, 160ff.
[12] Das Hinhocken hat praktische Gründe – der Fall aus ca. einem halben Meter Höhe auf den Steinboden lässt den Topf zerspringen, gleichzeitig bleibt das Scherbenpuzzle händelbar.
[13] https://beta.welt.de/kultur/literarischewelt/article122447817/Kein-Mensch-kann-sich-entschuldigen.html?wtrid=crossdevice.welt.desktop.vwo.social-referrer.home-spliturl&betaredirect=true
[14] Die ausführliche Beschäftigung mit dem Text halten wir für unverzichtbar, um den von Burkhard Nolte erhobenen Einwänden gegen eine „Tornisterpädagogik“, die wir in Teilen für zu kurz gedacht halten, zu begegnen: http://www.rpi-loccum.de/material/konfirmandenarbeit/ku_nolte

Mittwoch, 27. Juli 2016

Warme Sachlichkeit, Kohlenstaub. Rezension von "Zarte Takte tröpfelt die Zeit" von Marlies Blauth



Manche Bücher, manche Texte lesen sich anders an anderen Orten. Man liest sie, und findet sie schön. Dann bringt man sie an die Orte, die sie beschreiben, liest sie, und stellt fest: Sie sind wahr. bergisches land heißt ein Gedicht. "in jedem haus wohnte / ein gott oder jesus". Das wusste ich. Also dass Wuppertal und das Bergische an sich und historisch bedingt um einiges frömmer ist als das Rauf und Runter der Rheinschiene. Beim ersten Lesen des Gedichts, irgendwo im letzten Sommer in Köln, nicke ich wiedererkennend. Jetzt, nach einem Dreivierteljahr Wuppertal, nicke ich beim erneuten Lesen wieder, aber anders als vorher. Langsamer, ein bisschen wissender. "ein karger segen war das / aber seelenkleidung gegen den wind". Und ich denke an Beerdigungs- und andere Gespräche mit Menschen, die "im Anfang" und "ein auf zwei Wochen" sagen und die einen Glauben haben, der ein bisschen ist wie Oppas Henkelmann: Einfach dabei, solide, eher zweckmäßig als elegant, von Omma mit Liebe gefüllt, wärmt und macht satt, und die Enkel denken manches Mal, dass das doch ganz praktisch und rührig war und fragen sich, was sie selbst in der Mittagspause essen sollen, wenn der Sushibastler, der Frittenschmied oder der Dönerdreher um die Ecke doch pleite machen würde. Ich schweife ab, aber gerade das geht gut mit diesem Buch. "irgendwo zwischen / almengrün und müdgrau / schlängelt sich meine erinnerung / über wege". Ich habe keine Ahnung, was Almen sind, aber ich weiß sofort, welches Grün sie meint, und welches Grau. Und ich kenne die Straßen und Wege, die um Wuppertal herum unelegante Pirouetten drehen, weil wieder mal ein Berg (oder, wie man hier sagt, "eine Höhe") im Weg oder zu steil war. 

Überhaupt ist das Buch ein sehr nordrhein-westfälisches. Die Autorin/Zeichnerin/Malerin/Denkerin stammt aus Dortmund und ist über Wuppertal an den Niederrhein gekommen. Und das spürt, sieht, liest, zumindest ahnt man, beim Lesen und Blättern. "Niederrhein" sagt der Kopf beim ersten Betrachten der Titelgrafik, und setzt in Gedanken kleine Ortsschilder zwischen die fließenden Farben. "Wachtendonck", "Straelen", "Kerken", und eher "Willich" als "Dinslaken". Auch die für ein paar Groschen bereiste kleine Heimat (Erinnerung/ Am Kiosk) ist sehr regionalspezifisch - versuchen Sie mal, in Baden-Württemberg irgendwo an einer Straßenecke für einen Euro eine gemischte Tüte zu bekommen. Und die Kohle! Sie hinterlässt Spuren, nicht nur in den besungenen Ruhrgebietsorten ("mein gold ist immer noch / in kohlepapier verpackt"), sondern auch in den Bildern, die hier und da in das Büchlein eingestreut sind und insgesamt für ein lockeres, atmiges, aber kein überspanntes Layout sorgen.

Form und Inhalt gehören bekanntlich zusammen, und was über das Layout gesagt wurde, trifft vielleicht auch den Inhalt am ehesten: Das Nordrhein-Westfälische. Das Lockere, aber nicht Haltlose. "Bodenständig" mag man von Lyrik ja nicht sagen, das klingt zu sehr nach Knittelversen, auch "Heimatdichtung" trifft es nicht. Eher... unaufgeregt-scharfsichtig. Blauth stellt fest, beobachtet Großes und Kleines, ohne eigenes Betroffensein zu verleugnen, aber auch ohne den Leser mit eigenen Regungen zu beelenden. Wenn es so etwas gibt, würde ich es "warme Sachlichkeit" nennen, weil es gefühlig ist und zugleich präzise: "Wenn sich die Tage zusammendrücken / man fahle Reste aufsammeln muss / und die Gedanken schon renoviert / im Hintergrund stehen." Unprätenziös, und dabei preziös in der eigentlichen Wortbedeutung von "kostbar". Man spürt den Asphalt und ahnt den offenen Himmel, hört im inneren Ohr die "dunkel gekochte Sprache".

Thematisch führen die Texte in die Lebensmitte. An vielen Stellen ist von "früher" die Rede, von Erinnerungen und dem sich einstellenden Gefühl der Endlichkeit des Lebens, ohne dass es allzu sentimental würde (anders als, wenn man an der Stelle einmal mäkeln darf, der etwas staksige Buchtitel es nahelegt) - der Kopf, der den Blick zurück wendet, ruht auf den Schultern des Jetzt, die Zeiten "verketten sich" im wiedersehen. Was Comeen sind, müsste ich googlen, ich muss es aber auch gar nicht wissen, sondern folge, wie auch an anderen Stellen, einfach dem Blick, der nicht jedes Geheimnis preisgibt.

In Kürze: Das Buch ist von Marlies Blauth, heißt "Zarte Takte tröpfelt die Zeit" und ist auf teurem und handgeschnittenem Papier im Wuppertaler NordPark-Verlag erschienen. Und Ihr solltet es kaufen und immer wieder lesen.

Sonntag, 24. Juli 2016

Zeitunglesen, Fangenspielen, Mitgehen - Predigt über Phil 3,7-14



(Predigttext aus der BasisBibel)

Karl Barth hat mal gesagt, man müsse als Theologe zwei Dinge lesen: Die Bibel und die Zeitung. Es gibt verschiedene Varianten seines Zitats, alle gehen in dieselbe Richtung: „Wie man beten soll, steht in der Bibel; was man beten soll, steht in der Zeitung.“ Manchmal ermöglicht die Bibel dann einen neuen Blick auf das, was in der Zeitung steht. Und manchmal liest man im Licht der Zeitungsmeldungen Bibeltexte anders als vorher. 

Es gibt Tage und Wochen, da müssen Predigten umgeschrieben werden. Diese Woche war so eine. Es fing an mit Nizza und Istanbul, es ging weiter mit Würzburg und München. Und ein Predigttext wie der, den Sie gerade in der Lesung gehört haben, bekommt einen anderen Klang. 

Paulus blickt auf sein Leben zurück. Auf sein altes Leben als jüdischer Gelehrter und Beamter, der ein in mehrfacher Hinsicht vorbildliches Leben führte und von seiner Religion und seiner Identität so überzeugt, so erfüllt war, dass er die jungen christlichen Gemeinden von Amts wegen und aus vollem Herzen verfolgte. Das allein macht ihn verdächtig in diesen Tagen, in denen wir erleben, dass Gewalt gegen Angehörige anderer Religionen alles andere ist als ein dunkles, aber zum Glück abgeschlossenes Kapitel der Menschheitsgeschichte. 

Paulus hat diese Phase seines Lebens hinter sich gelassen, die wundersame Begegnung mit dem Auferstandenen auf der Straße vor Damaskus hat ihm seine eigene Blindheit vor Augen geführt und die Augen geöffnet für das Neue. Die Bibel erzählt von vielen Begegnungen, die für die Beteiligten lebensverändernd sind. Und immer wieder geht es dabei um Menschen, die von einer falschen und verhängnisvollen Radikalität befreit werden. Einer Radikalität, die gefährlich ist und zum Töten bereit macht, weil religiöse Menschen das Bild, das sie von Gott haben, mit Gott selbst verwechseln. Paulus, Jona, Elia und andere müssen lernen, dass Gott größer ist als all unsere Bilder. 

Paulus hat dazugelernt, aber das macht ihn in dieser Briefpassage nicht unbedingt sympathischer. Was ihm früher wichtig war, ist jetzt in seinen Augen nicht mehr als Dreck. Auch wenn hier der Eifer der Frischbekehrten spricht, die bekanntermaßen meist päpstlicher sind als der Papst, fällt es schwer, von der unheilvollen Wirkungsgeschichte, die solche Sätze hatten und haben, abzusehen. Als im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit die Inquisition wütete, gehörten zu den für Juden gefährlichsten Figuren diejenigen, die selbst einmal Juden gewesen waren und die Polizisten, Richter und Henker mit allerlei haarsträubenden Geschichten über ihre religiöse Herkunftsfamilie fütterten, über all das, was sie jetzt für Dreck hielten. Auch Martin Luthers widerliche Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) bezog sich zu einem großen Teil auf solche Verleumdungen durch Neubekehrte. 

Aber, und das ist der eine Grund, warum ich glaube, dass dieser Predigttext auch und gerade angesichts dessen, was wir in der Zeitung lesen, notwendig und heilsam ist, aber Paulus spricht nicht über das Judentum. Das, was Paulus für Dreck hält, ist nicht seine jüdische Identität, sondern sein Status in der Gesellschaft. In einigen Versen zuvor, die Sie in der Lesung nicht gehört haben, zählt Paulus eine ganze Reihe von Eigenschaften und Leistungen auf, die ihm die Anerkennung seiner Umwelt absicherten: Seine Herkunft, sein frommer Eifer, seine religiöse Bildung. 

Paulus ist nicht judenfeindlich, aber sehr wohl kulturkritisch. Er wendet sich gegen eine Kultur, in der Ehre, und andere Männersachen, alles ist. Das, was wirklich zählt, ist nicht die gute Kinderstube oder ein prestigeträchtiger Nachname. Und auch nicht der lückenlose Lebenslauf oder das, was am Monatsende auf dem Konto steht. Nicht die Zeugnisnoten und auch nicht der Applaus der Mehrheitsgesellschaft. Und erst recht nicht die religiösen Leistungen. Das war die große Erkenntnis der Reformation, das spielt heute auch noch eine Rolle, und das möchte ich nicht nur den religiösen Gewalttätern, von denen es in jeder Religion welche gibt, entgegenrufen. Das muss ich mir selbst immer wieder ins Stammbuch schreiben lassen. Zum Beispiel dann, wenn ich im Presbyterium beim Tagesordnungspunkt „Bericht aus den Bezirken“ versucht bin, nur von dem zu erzählen, was bei uns ganz besonders gut läuft. 

Das, was wirklich zählt, worauf sich bauen und womit sich leben lässt, findet nach Paulus überhaupt unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt in der Beziehung zwischen Christus und dem oder der Einzelnen. Die Verse am Ende des Predigttextes, in denen es um Zieleinläufe und Siegerkränze geht, werden oft und gern herausgeholt, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer in Predigten sportliche Metaphern bemühen wollen. Aber es geht nicht um einen Wettlauf zu einem Ziel, sondern um das Verstecken- und Fangenspielen zweier Verliebter, eine Szene, wie man sie zwischen Göttern und Menschen oft auf griechischen Vasen findet. Ein Bild, das zwei Figuren in ständiger Bewegung zeigt, abwechselnd Jäger und Gejagte. Wenn das die Welt verstünde, sähe manches anders aus: Glauben ist kein Wettkampf, sondern ein Tanz. Mitten im immer schneller werdenden Gleichschritt, mitten im Dröhnen der Soldatenstiefel, mitten im Rennen um den ersten Platz tanzen Menschen aus der Reihe, wiegen sich im Takt einer Melodie, die Gott ihnen ins Herz legt und tanzen zu Klängen, die von einer anderen Welt singen. 

Vase im Louvre: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Theseus_pursuit_Louvre_G423.jpg


Das, was wirklich zählt, ist das, was mit unserem Leben passiert, wenn Christus uns die Hand auf die Schulter legt, uns in die Augen schaut und sagt: „Komm!“ 

Der zweite Grund, warum ich diesen Predigttext so heilsam in allen Nachrichten dieser Woche finde, ist, wie Paulus sich selbst in diesem Bild beschreibt. In der göttlichen Tanzschule ist selbst Paulus ein Anfänger, der vielleicht ein paar Grundschritte beherrscht, der den Rhythmus schon im Blut spürt, aber der noch nicht die Leichtigkeit besitzt, die zum Tanzen in Vollendung gehört. Paulus ist noch nicht fertig, seine Erkenntnis ist und bleibt Stückwerk. Diese Ehrlichkeit versöhnt, und diese Bescheidenheit wünsche ich mir in diesen Tagen. Auch, weil so eine Einsicht vielleicht die beste Medizin gegen Fundamentalismus jeglicher Art ist. 

Ich möchte nicht behaupten, dass ich das alles schon erreicht habe oder bereits am Ziel bin. Aber ich laufe auf das Ziel zu, um es zu ergreifen – weil ja auch ich von Christus Jesus ergriffen bin. Brüder und Schwestern, ich bilde mir wirklich nicht ein, dass ich es schon geschafft habe. Aber ich tue eines: Ich vergesse, was hinter mir liegt. Und ich strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt. 

Religion und das, was Menschen aus ihr machen, ist in den letzten Jahren wie kaum jemals zuvor in die Schlagzeilen geraten. Vielleicht, weil aufgrund schlimmer Verbrechen in ihrem Namen deutlicher wird, dass Glauben keine Weltanschauung ist, sondern eine Beziehung, die das Leben verändert, und zwar nachhaltig und von Grund auf. Das fürchten wir, weil es Dinge in Frage stellt. Darauf hoffen wir, weil die Welt verloren wäre, wenn wir uns nicht verändern könnten. Natürlich kann man jeden Satz, den Paulus hier schreibt, ein wenig zuspitzen und aus dem Zusammenhang reißen und ihn dann in Bekennervideos der Terroristen wiedererkennen. Aber wenn wir aus diesem Grund über unseren Glauben schweigen, wenn wir öffentliche Plätze aus Angst vor Anschlägen meiden, dann haben die gewonnen, die Religion missbrauchen und Menschen töten. 

Die Fähigkeit, die eigene Vergangenheit, das eigene Leben, die eigene Religiosität kritisch zu betrachten, gehört nach Paulus zu einem erwachsenen Glauben dazu. Anlass dazu gibt unter anderem das Reformationsjubiläum, vor dem es seit gut zehn Jahren kaum ein Entrinnen gibt. Aber wir haben gelernt. Wir haben gelernt, dass das nicht einfach Lutherfestspiele sein können, dass wir auch und gerade bei den Gründervätern und –müttern unserer Konfession genau hingucken, alles prüfen müssen – und das Beste behalten. Luthers Judenschriften gehören zu dem, was die Erinnerung schwierig macht, und dass wir uns immer wieder damit auseinandersetzen, zeigt doch, wie sehr wir in dieser Hinsicht in den letzten Jahrzehnten dazu gelernt haben. Gott sei Dank. Luthers Hetzschriften gegen Juden sind nicht evangelisch, sie sind falsch und böse und entstammen einer Biografie, in der es viel Licht, aber eben auch viel Schatten gab. Aber so ist das Leben. 

Zu dem Guten, was man von Luther lernen und behalten kann, gehört ein Zitat, das wie ein Kommentar zu unserem Predigttext klingt und das es mir leichter macht, morgens die Zeitung aufzuschlagen und mit dem Wechselspiel von Licht und Schatten in meiner eigenen Welt umzugehen: 

Das Leben ist nicht ein Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht eine Gesundheit, sondern ein Gesundwerden, nicht ein Sein, sondern ein Werden, nicht eine Ruhe, sondern eine Übung. Wir sind’s noch nicht, wir werden’s aber. Es ist noch nicht getan oder geschehen, es ist aber im Gang und im Schwang. Es ist nicht das Ende, aber es ist der Weg. Es glüht und glänzt noch nicht alles, es reinigt sich aber alles. 

Amen. 

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Ein paar Anregungen stammen von Christian A. Eberhart, David E. Fredrickson und Rainer Stuhlmann.